Saturday, February 13, 2010

Meister Schwarzgurt und seine Todestechnik

Liebe Leser,

ich habe noch einige coole und auch laengere Stories parat und wie immer erzaehle ich davon und lass nichts hoeren.
Keine Angst, kommt noch. Jetzt wollte ich erstmal wieder eine lustige Zwischenepisode erzaehlen.

Ich war letztens mal wieder in meinem geliebten Fitnessstudio und hab mir die Hucke vollgeschwitzt als ich ploetzlich lautes Geschrei hoerte. Es war mal wieder ein Maedchen da, was nicht allzu oft vorkommt. Meistens gleicht die Atmosphaere einem Festival der oesterreichschen Hauptstadt (fuer alle Deppen: Wiener Fest :D). Jedoch hat das den Vorteil, dass es meist schoen umkompliziert und ruhig ist.
Auf jeden Fall hat dieses Maedchen gleich mal rumgeschrien und Laerm gemacht. Als ich mich umdrehte, sprang sie gerade hinter einen Typen, um sich vor jemandem oder etwas zu verstecken. Der Typ war dummerweise der most-hänschen (schwächste) Kumpane, der zugegen war, sodass er nicht wirklich eine Hilfe gewesen waere.
Aufs Aeusserste verwirrt, blickte ich mich dann kurz um und suchte nach dem Grund der Aufruhr. Dann sah ich es: Ein riesiger schwarzer Schmetterling attackierte sie. Im Nachhinein koennte es auch eine Fledermaus gewesen sein, keine Ahnung, hatte meine Brille natuerlich mal wieder nicht auf. Auf jeden Fall ging das Geschrei ein paar Minuten so weiter und der Chef-Krafttrainer stand gelassen nebendran und schluerfte seinen Tereré. Hauptsache cool aussehen, egal, was man macht. Das ist sein Motto. Ich bewundere ihn auch sehr, nebenbei bemerkt. :-D
Auf jeden Fall schien er irgendwann genug zu haben und wollte wohl weiter mit besagter Goere flirten, was er nicht konnte, waehrend sie rumrannte. Ein kurzer Wink zum Chef-Kampfsporttrainer und die Sache war geregelt. Dann kam naemlich ploetzlich irgendein Besen schwingender Muay-Thai Schwarzgurt angerannt. Ich wuenschte, ich haette es filmen koennen, aber nach kurzem Warten und Ausharren fuehrte er eine extrem geil anzusehende Schwingbewegung aus und zermalmte die Fledermaus an der Wand. Dann kehrte er sie mit dem Mordinstrument einfach weg.
Alter, hat mich das beeindruckt! Da habe ich beschlossen, dass ich dieses Jahr mit Kung Fu anfangen will. Wenn mich jemand nach meiner Inspiration fragt: Paraguay, Februar 2010, Meister Schwarzgurt und seine Todestechnik.
Nachdem der Nager beseitigt war, nickte der Krafttrainer zustimmend mit dem Kopf als sei sein Plan soeben wie gewuenscht ausgefuehrt worden. Danach widmete er sich wieder seiner Schuelerin und seinem Tereré. Und ich war einfach nur gluecklich dabei gewesen sein zu duerfen.

ihr Leute, postet mehr Kommentare! Please!!!

Danke:) euer Jan

Thursday, February 4, 2010

Hausintern

Muss mal eben was hoechst Interessantes schreiben, bevor ich es wieder vergesse.

Also die Sache ist die: Wir haben die ganze Zeit zwei Hausangestellte gehabt; eine etwas Aeltere, die wohl schon ewig hier ist und eine Junegere, die erst seit ca. drei Wochen bei uns arbeitet.
Seit gestern haben wir noch eine Dritte, auch noch nicht so alt, aber aelter als die Juengere.

Wie dem auch sei, gestern kam ich so um 5 Uhr rum vom Fitnessstudio nach Hause und hab mir grad meinen obligatorischen Eiweissshake in der Kueche gemixt. Meine Gasteltern waren arbeiten und mein aelterer Gastbruder angeblich im Studio, aber wohl eher wieder bei seiner Geliebten, die er bald verlassen muss und die deshalb keine richtige Beziehung will. Interessante Geschichte, aber ein andermal. Sonst waren nur meine kleinen Brueder daheim, die aber Playstation spielten und auch sonst nichts von der Welt mitbekommen. Sprich, ich war allein in der Kueche. Alle drei Angestellten, waren natuerlich auch dort, da sie dort ja den Grossteil ihrer Arbeit verrichten. So wie ich sie einschaetze, moegen sie mich alle, weil ich keine Forderungen an sie stelle wie der Rest der Familie und auch nicht staendig rumschreie wie meine Gastbrueder. Ausserdem, und das ist das, was die ganze Sache so spannend macht, denken sie alle, ich koenne kaum Spanisch. Zugegeben, ich bin kein Miguel Cervantes, aber ich kann Alltagsgespraechen auf normalem Level und Tempo schon ganz gut folgen.
Wie dem auch sei, ich stand also da, mixte meinen Shake und dann fing die dienstaelteste Angestellte ploetzlich an, die Juengste auszuschimpfen. Angeblich habe diese kurz vorher zu laut gesprochen oder irgendetwas gerufen, waehrend sich meine Gastmama unterhielt.
Die Hierarchie ist hier wirklich klar vorgegeben. Herren und Bedienstete. Ich sag das jetzt wirklich nicht, um irgendwie ueberlegen zu klingen. Es ist einfach nur so krass, weil in Deutschland, ja zumindest theoretisch alle gleich wertvoll sind.

Dann ging es auch gleich weiter.

"Du weisst doch, dass wir alle arm sind. Wir muessen so unser Geld verdienen. Wir koennen es nicht riskieren, rausgeworfen zu werden. WIr muessen hier alle drei zusammenhalten und -arbeiten. Versteht ihr das?"
Sie sprach beide an, obwohl die Neue weder etwas gesagt noch getan hatte. Vielleicht wollte sie auch ihre vergleichsweise hoehere Stellung hervorheben.
Dass die Juengere ihrer Bezeichnung gerecht wurde, zeigte sie dann auch als sie alles abstritt. Das erinnerte mich an meine Schulzeit und eine Lehrerstandpauke. Also ich kenne das von Mitschuelern, wohlgemerkt, nicht von mir selbst! ;-)
Es war wirklich total faszinierend, da zuzuhoeren. Sie haben nicht mal in Guaraní geredet, was ja kein Problem gewesen waere. Aber fuer Offizielles und Arbeitsgespraeche wird auch meistens das Spanisch verwendet. Hab mir dann noch ganz langsam Brote gemacht und mich an den nahegelegenen Esstisch gesetzt, um noch etwas mehr zuzuhoeren. Eine Konversation dieser Art hatte ich vorher noch nie beiwohnen koennen. Fand es total interessant.

Ist sowieso bemerkenswert. Mein Gastbruder wirft der Aeltesten immer wieder Dreistigkeiten an den Kopf und die lacht nur drueber. Keine Ahnung, ob es ihr was ausmacht, aber eine grosse Wahl hat sie da auch nicht. Wenn meine Eltern das aber mitbekommen, gibts immer ordentlich Aerger fuer ihn.
Dann erzaehlt sie auch immer meiner Gastmama, wann wir denn aufgestanden sind bzw. ob die Kleinen auch brav alles aufgegessen haben. Das finde ich immer etwas hinterlistig, weil ich mich daher manchmal fuer meine doch sehr flexiblen Arbeitszeiten rechtfertigen muss. Auf der anderen Seite wird mir aber jeden Tag das Bett gemacht und meistens auch noch frisch bezogen. Abwaschen, Auf- und Abdecken, Kochen und dergleichen fallen mir deshalb ebensowenig zu. Meine Waesche ist meistens immer schon am naechsten Tag gewaschen. Ein Service den ich selbst in den USA oder Deutschland nicht hatte. Naja, spaeter mal werd ich meine Kinder das aber alles machen lassen, da sie sonst noch so verwoehnt wie ich werden.

Das wars auch schon. Wollte euch das nur mal eben erzaehlen. Bis zum naechsten Eintrag,

euer Jan

Thursday, January 28, 2010

"Magische Momente" oder "Jan. Der Ja-Sager"

So,
hab gedacht, ich meld mich mal eben wieder. Bin grad auf nem AFS Camp und es geht mal gar nichts ab. Also carpo ich den diem und erzaehl euch ne kleine Geschichte, die sich vorgestern ereignet hat.

Ich war mal wieder auf der Arbeit und hab mich angeregt mit zwei Kollegen unterhalten. Es war schon spaet und daher tranken wir erstmal unseren Vieruhr-Tereré. Ich war auch schon ueber eine halbe Stunde lang dort. Zeit zum Relaxen.
Dann lud mich Carlos, dem ich schluerfend beim Aufraeumen zusah, zu einer Illusionisten Show ein. Wie es meine Art ist, blockte ich gleich erstmal ab. Ich habe in den letzten Jahren die Einstellung entwickelt, dass ich immer erst alles genau pruefe und abwaege bevor ich mich enscheide. Damit fahre ich auch immer recht gut und erspare mir ueblicherweise auch Verletzungen und unschoene Ueberraschungen. Diese Faehigkeit verlaesst mich gelegentlich nach eingehendem Alkoholgenuss und fuehrt zu eher unvorhergesehen Aktionen. Doch dazu ein andermal mehr. Auf jeden Fall spuckte ich gleich ein paar Ausreden aus. Darin bin ich zugegeben recht trainiert und auch ueberzeugend.
Jeder moege selbst entscheiden, wie er das findet.
Dann sah ich allerdings die ehrliche Enttaeuschung in seinem freundlichen Gesicht und es tat mir schon auch ein wenig Leid. Wenn sich jemand hier jemals richtig gut um mich gekuemmert hat, dann er. Also ueberlegte ich schnell. Ich muss im Moment Geld sparen und ausserdem wollte ich noch ins Fitnessstudio bevor es zu spaet wuerde. Aber dann fasste ich den spontanten Entschluss, nochmal nachzufragen. Er meinte, der Eintritt sei frei. Nice! Hm, nun gut, ich geh ja auch fast jeden Tag in die Pumperei, vielleicht sollte ich stattdessen lieber dieses aussergewoehnliche Angebot nutzen. In Deutschland wuerde der Eintritt sicherlich ein Wochengehalt hier kosten. Ausserdem ist er ein guter Freund. "Dale, Carlito! Quiero irme!" (Alles klar, Carlito, ich will mitkommen!) Ihr haettet sein Gesicht sehen sollen.
Da hab ich schon geahnt, dass es die richtige Entscheidung sein wuerde. Da habe ich auch begriffen, dass man auch manchmal einfach Ja zum Leben sagen sollte; aehnlich wie im Jim Carry Film "Der Ja-Sager", wo der Hauptdarsteller sein Leben drastisch aendert, zu allem Ja sagt und letztendlich ein gluecklicherer Mensch wird. Die Handlung ist etwas komplizierter, aber im Grossen und Ganzen ist die Aussageabsicht, dass man zwar immer abwaegen sollte, aber sich ruhig auch mal an etwas Unbekanntes wagen sollte, was wunderbare Folgen haben kann.


Offizielles Filmplakat. Cooler Streifen!

Oder wie ein beruehmtes Sprichtwort sagt, das ich mir oft zu Herzen nehme:

"If you do what you always do, you'll get what you've always gotten."

Wenn du unzufrieden mit deinem Leben bist oder gefangen im Alltagstrott, mach doch mal was Spontanes, was Verruecktes. Vom Nichtstuns wird auch nix besser. Wenn wir aelter werden, tendieren wir dazu, ernster zu werden und unser Leben kontrollieren zu wollen. Keine Ueberraschungen. Keine Gefahren. Und auch keine Abwechslung.
Aber das sollte jederman fuer sich selbst entscheiden. Persoenlich bin ich auch ein grosses, der Homeostase verfallenes Gewohnheitstier, aber das heisst nicht, dass ich oder auch man seine ganze Existenz gleichfoermig verleben sollte. Wie dem auch sei, dieses Jahr hier gibt mir die unschaetzbar wertvolle Gelegenheit viel ueber solche Sachen nachzudenken und zu reflektieren. Ein Selbstfindungsjahr. Eigentlich bin ich deshalb ja gar nicht herkommen. Schon irgendwie lustig. Ein Jahr, das mich gefunden hat und mir hilft, mich selbst und andere besser zu verstehen. Fuer diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. Gott, mir selbst, meinen Mitmenschen. Wem auch immer.
Daher philosophiere ich auch immer so gerne hier. Mir fallen diese Dinge spontan beim Schreiben ein. Es ist als ob ihr mir beim Denken zusehen koennt. Schon ganz lustig. Mal gespannt, was ich in 20 Jahren zu diesen Zeilen denken werde.

Zurueck zu Carlos und der Magie. Die Sache stand also fest und nach einem kleinen Snack gings los.
Ah, noch ganz kurz: Hier trinkt man Instantkaffee, ein Art Kaffeebohnenmehlgranulat also, das man mit etwas Wasser und viel Zucker zu einer dicken suessen Pampe ruehrt. Diese wird dann in der Tasse mit heissem Wasser aufgefuellt. Als mir die Reinigungsfrau der Fundación eine solche Tasse anbot, ich aber ablehnte und stattdessen schwarz trank, war ihr dies voellig unverstaendlich. Ein anderes Mal trank ich lieber Wasser, da es sehr draussen heiss war, ich generell aber auch fast nur Wasser trinke. Ab und zu mal ein Bier, Saft oder Absinth. Als sie mich dann wassertrinkend sah, blickte sie voellig perplex die Kollegen um Hilfe suchend an. Sie verstand die Welt nicht mehr. Wasser zur Merienda (Snack, Zwischenmahlzeit)? Absolut undenkbar!
Ob ich weisse Broetchen zum Kaffee wolle. Nein, danke, aber die machen dick. Simple kurzkettige Kohlenhydrate - laueft nicht bei mir. "SKANDAL" stand ihr in den Augen geschrieben.
Es ist immer wieder lustig, wie leicht man als Auslaender manche Leute aus der Fassung bringen kann. Aber ich bin ihr nicht boese, der Guten. Sie kippte dann noch etwas mehr Zucker in ihre Tasse, um ihre Nerven zu beruhigen und setzte sich etwas gefasst wieder an den Tisch.
Auch stoert mich uebelst, dass sicher jeder Paraguayer als Mediziner sieht und meint Nahrungsmittelratschlaege geben zu muessen oder koennen. Waehrend bestimmte Kraeuter und Tees tatsaechlich auch helfen, stoesst es mir doch bitter auf, wenn mir gesagt wird, ich solle nicht soviel Wasser trinken. Das wuerde meinen Koerper doch versaeuern. Und nein, ich habe keinen Sprudel getrunken. Stinknormales Hazweioh. "No así. Te hace mal!" (So nicht. Das ist schlecht fuer dich.) ist der Standardsatz, den wohl jeder von uns Volu's sicher schon mehr als einmal gehoert hat. Auch solle man kein Brot mit Wasser trinken, da das dick mache. Wenn man ein Broetchen nass macht, wird es schliesslich auch aufgedunsen. An dieser Stelle: Einfach mal Klappe zu, ihr Quacksalber!

Und nochmal zurueck: Wir nahmen schnell einen Bus und waren innerhalb von zehn Minuten am "Centro Cultural de España Juan de Salazar (CCEJS)".


Das CCEJS bei Nacht in downtown Asunción

Das Innere sah sehr schoen und gepflegt aus. Es gleichte einer deutschen Galarie und stellte gerade Fotographien von heutigen Guaranie-Indianern in Alltagstracht aus. Es gab auch eine enorme Schlange von Leuten, die sich durchs komplette Museum zog. Wir hatten beide schon fast die Hoffnung ausgegeben und wollten schon den Tereré anbrechen. Dann gingen wohl irgendwo in der Ferne die Tueren zum Saal auf, in dem die Show stattfinden sollte, und wir setzten uns in Bewegung. Wir kamen auch noch rein, mussten uns aber auf den Piso (Boden) setzen. Innerhalb weniger Minuten war der gesamte Saal auch schon vollgepackt mit Schaulustigen. Klar, es war ja freier Eintritt. Da ist der Paraguayo (und ich auch) immer mit dabei.
Der Magier war in Wirklichkeit mehrere Artisten und kam vom Eingang herein. Sie wollten wohl einen coolen Auftritt hinlegen, rechneten allerdings nicht mit jener Menge von Leuten und waren gezwungen sich an den Piso-Besuchern vorbeizuzwaengen. Mega-Uncool! Aber davon liessen sie sich nicht die Laune verderben und legten eine Supershow mit Bauchredner, schwebender Frau und etlichen Taschenspielertricks hin. Der Moderator war im Uebrigen ein Zwerg. Ich hatte noch nie einen hier gesehen. War sehr lustig. Vor allem auf Spanisch. Die Truppe kam unter anderem aus Argentinien und den USA, was sich an dem sehr markanten Dialekt bzw. Akzent erkennen liess. Insgesamt hat mir die Show extrem gut gefallen, nur leider hatte ich waehrenddessen derbe Ruecken- und Beinschmerzen, da ich mich zwischen den ganzen Leuten so verbiegen musste. Aber da ich ja hier bin, um meine soziale Flexibilitaet zu verbessern, habe ich mich nicht weiter darueber aufgeregt.. ;-)

Bis bald liebe Leute und ergreift die Chancen, die sich euch bieten. Vielleicht kommen sie niemals wieder!! Denkt an meine Worte! ^^

herzlichst, euer Jan!

Tuesday, January 26, 2010

Ein Tag in der saubersten Stadt der Welt

Wie bitte? Hab ich da richtig gehoert? Dieser "Wunderknabe meets Teufelskerl" kriegt wohl nicht genug und muss jetzt einen weiteren, fast unglaublichen Superlativ von der Stange lassen. Die sauberste Stadt der Welt? Nun zugegeben, es ist schon einige Jahre her, dass der paraguayischen Kleinstadt Atyra dieser Titel verliehen wurde. Mittlerweile hat sich da bestimmt eine US-Vorstadt an uns Tereré-Trinkern vorbeigemogelt. Aber dennoch, nach wie vor ist Atyra #1 in Paraguay.
Wenn man mich fragt, ist das aber alles Propaganda. Als ob es hier so sauber waer. Noch dazu sauberer als bei uns daheim in Deutschland, wo noch Zucht und Ordnung herrschen. Ich erwische mich jedesmal beim Durchfahren dieses Ortes nach Muell auf Strassen suchend. Erspaehe ich dann auch nur ein Bonbonpapier kann ich mir ein selbstgefaelliges Grinsen nicht verkneifen. Dennoch ist die Stadt verglichen mit dem Rest des Landes tatsaechlich auffaellig sauberer.

Atyra bei Sonnenschein mit Party-See im Hintergrund

Der Grund, warum ich diese Stadt ueberhaupt ins Gespraech bringe, ist, weil ich gestern einen Tag dort auf der Quinta (sp. fuer "Landhaus", lies "Kinta") meines Onkels verbracht habe. Mitgenommen haben mich mein Gastbruder Enrico und mein Gastvater Jorge. War sehr cool. Wir sind etwa eine Stunde mit dem alten Pick-Up Truck meines Onkels von Asunción aus dorthin gefahren, um ein Quad zu uns nach Hause zu transportieren. Warum? Ganz einfach. Mein Gastbruder muss im Moment noch zu einem Privatlehrer. Fuer ihn gehts ja bald nach Deutschland. Daher wird jetzt, waehrend die anderen Ferien haben, ordentlich gepaukt. Der Weg zum Lehrer ist etwas weit. Auf Bus und Laufen hat er keinen Bock. Loesung: Mim Quad zum Pauken brettern. Auch geil. Fuehrerschein? Wird sowieso total ueberwertet. Außerdem fährt ein Quad mit Benzin und nicht mir Führerschein.

Aber ich greife vor. Wir kamen an der Quinta an und sofort stiessen wir auf das Portal, das uns entgegen laechelte. Verwoben in das gusseiserne Tor waren die Worte "Las Trillizas" (sp. fuer "Die Drillinge", da er Drillingstoechter hat).
Kaum ausgestiegen (ich musste warten, weil mich hinten die Kindersicherung nicht rausliess), kamen dann auch schon die drei Hunde des Gutshofs. Einer davon ist ein goldener Labrador namens Scott. Total suess, wenn auch etwas haessliche Augenpartie. Warn alle total lieb und ham mich auch angesprungen. So muss es sein. Die andern beiden waren ein Schaeferhund (Linda) und ein mittelgrosser Mischling (Roy).
An dieser Stelle moechte ich nochmal erwaehen, dass ich kleine Hunde (ausser Welpen natuerlich) aller Arten und Farben verabscheue. Drecksviecher! Ich kann nicht verstehen, warum man sich so einen dummen Klaeffer holt, der nur jault, zwischen den Beinen rumlaeuft und meist noch haesslich ist. Also mein Vorschlag zur Guete. Bitte alle nur noch mindestens mittelgrosse Koeter anschaffen, dann sterben die kleinen vielleicht mal aus.
Zureck zum Thema. Dort angekommen hat mich Enrico erstmal rumgefuehrt. Insgesamt ist das Grundstueck sehr gross und auch gut von den Hausangestellten gepflegt. Es gibt ein Trampolin, mehrere Spielplaetze fuer die Maedchen, ein natuerliches Schwimmbad, das sich fuellt, wenn man den Bachlauf aendert, und viele viele viele Obstbaeume. Am hoeher gelegenen Obsthain angekommen, haben wir erst mal Sternfrucht (auch Karambole genannt) und Guayaba gegessen. Letztere hab ich an jenem Tag zum ersten Mal gesehen. Keine Ahnung wie sie auf Deutsch oder Englisch heisst. Ich vermute, dass selbst der Name "Guayaba" Guaraní und nicht Spanisch ist. Es ist eine kleine, mirabellengrosse Frucht, die im Inneren etwas wie ein Granatapfel aussieht, aber keine harten Kerne hat. Der Geschmack ist ebenfalls unbeschreiblich; leicht suess und zitronig kaeme noch am naechsten. Glaube auch nicht, dass diese Frucht nach Deutschland exportiert wird. In diese Situation bin ich hier schon oefter gekommen. Es gibt Gerueche und Geschmaecker, die ungleich allem sind, was man in Deutschland oder auch den USA vorfindet. Ein tolles Erlebnis. Das erinnert einen immer wieder daran, wie gross und unbekannt die Welt wirklich ist. Meine Gastfamilie hat mir auch erzaehlt, dass es eine todsichere Methode gibt, zu wissen, ob die Fruechte reif sind. Wenn sich die Larven einer bestimmten Fruchtfliege im Inneren tummeln, dann ist es soweit. Die kleinen Krabbler werden natuerlich mitverspeist. Um seinen Punkt zu beweisen, zeigte mir spaeter mein Gastvater eine geoeffnete Frucht mit der kleinen weisslichen, sich windenden Made. Dann ass er sie. Standard. Ich musste fast kotzen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon mehrere Exemplare gegessen.


Karambola oder auch Sternfrucht

Kurz darauf wurden wir beide zum Fruechtesammeln losgeschickt. Enrico kramte dafuer das Mini-Quad seiner Cousinen hervor. Ob Mini oder nicht, das Ding faehrt auf jeden Fall an die 50 km/h. Er bat mich, hinten aufzusteigen. Wir fuhren los und da ich mich nirgendwo festhalten konnte, fiel ich direkt runter. Unschoen. Naja, ich bin eigentlich eine sehr vorsichtige Person. Habe mir noch nie etwas gebrochen und verletze mich sehr selten aus eigenem Verschulden. Auch habe ich nie ein Mofa, Moped, Roller etc. besessen und verfuege nicht ueber eine enge persoenliche Bindung mit Freizeitfahrzeugen. Kurz gesagt, ich hatte keinen Bock dem Scheissding nochmal naeher zu kommen. Das wurde auch nicht besser, als mich mein Gastbruder ein paar mal fast umfuhr. Auf jeden Fall gab es eine Sache, die meine Meinung aenderte: Es gab Kuehe. That's right, baby! Und sie haben Schiss vor Quads. Sofort hatte ich die selbe Idee, die auch aeltere Herrschaften haben bevor sie einen Strip-Club frequentieren: Euterjagd! :-D
Enrico machte es vor. Das Gaspedal durchgedrueckt und die Kuh zum Gallopieren gebracht. Bevor es soweit war, uebte ich aber noch auf einem kleinen Fussballplatz (mitten im Urwald auf nem Gutshof?! Keine Ahnung, was der da zu suchen hat). Mein Gastbruder machte in der Zwischenzeit ein Gatter auf, das einen Hund und noch eine Kuh einsperrten und wo auch die gesuchten Fruechte zu finden waren. Nein, Moment...zwei Hunde. Das is doch keine Kuh. Alter, was fuer ein Riesenvieh! Ich hab schon 7.-Klaessler gesehen, die kleiner waren.
Die Rasse etwa!

Ok, also erstmal Fruechte sammeln. Wir schlossen das Gatter wieder zu und suchen. Guayabas und Limonen. Kein Ding. Oder doch? Mein Gastbruder hatte keine Ahnung, wo welche Frucht waechst und ich kannte die eine Frucht erst seit zehn Minuten. Er liess seinem Unmut dann auch mit entsprechenden Phrasen freien Lauf, die meine Vokabelliste wieder ordentlich erweiterte. Es fielen aber auch mehrfach Klassiker wie "puta madre" oder "arbol de mierda". Schliesslich ueberzeugte ich ihn davon, zu wissen, wo die Limonen zu finden waren. Bei absolutem Unwissen voellige Selbstsicherheit ausstrahlen. So kommt man immer weiter. Spaeter stellte sich heraus, dass wir vor allem Pampelmusen gesammelt hatten. Nur ein paar wenige Limonen. Mein Gastpapa war nicht sehr "amused". Auf jeden Fall stellten wir bei der Rueckkehr fest, dass sich drei Kuehe und ein junger Stier am Quad zu schaffen machten. Nenn es Rache, nenn es Sabotage. Auf jeden Fall waren die Steaks auf Beinen recht dreist. Mein Gastbruder drohte ihnen mit dem Freilassen der Hundkuh. Wie ich spaeter erfuhr gab es frueher drei von denen und einmal brachen sie nachts aus und toeteten eine Kuh und frassen sie halb auf. Aber ich solle keine Angst haben. Der wolle nur spielen. Yo, leck mich! Ich will hier raus. Aber eigentlich hat er echt nicht so den aggressiven Eindruck gemacht und lieber als diese hinterlistigen Wiederkaeuer war er mir allemal.
Wir kamen also wieder durch das Gatter und Enrico zuendete den Motor und die Kuehe hauten ab!

Danach hab ich mir noch ein geiles Buch von der Kollektion meines Onkels aussuchen duerfen (was mir mein GastVATER erlaubte, der dort ueber keinerlei Eigentumsrecht verfuegt!) und dann gings wieder ab nach Asunción. Auf dem Weg gabs mal wieder nur Reggaeton und Lady Gaga im Radio, die aber adaequat von meinem Gastpapa und mir verschmaeht wurden!

In diesem Sinne,

bis bald, Caballeros! :-)

Friday, December 25, 2009

i Feliz Navidad amigos !



Liebe Freunde und Weggefaehrten,

ihr begleitet mich nun schon seit fast 5 Monaten. Dafuer danke ich euch. Fuer alle, die mich erst seit kurzem entdeckt haben: Seid willkommen. Stets freue ich mich ueber jeden Leser.
Hier bei Janinparaguay.blogspot.com sind wir liberal und tolerant. Ich moechte, dass die Jugend ebenso so sehr meine Geschichten verschlingt wie die etwas Betagteren (an dieser Stelle Gruesse an die Mehrheit meiner frueheren Lehrer). Wir sind farbenblind, kennen viele Goetter und gehen nicht waehlen. Und wenn, dann nur die SPD!
Kurz gesagt, wenn du das hier lesen kannst, dann stell dir vor, dass ich diese Zeilen nur fuer dich geschrieben habe, egal, was deine Ueberzeugungen sind!

Leute! Weihnachten. Ich weiss, ich hab noch nen Haufen anderer geiler Hardcorestories im Petto, aber yo, irgendwo muss ich ja mal anfangen. Aus gegebenem Anlass werde ich allerdings einen Artikel ueber das besinnlichste Fest des Jahres schreiben und wie ich es hier verlebt habe.
Also, zunaechst vergleiche ich wieder den Ablauf in meinem deutschen Heim mit dem hiesigen.
In Deutschland gehen wir etwa um 8 Uhr in die Kirche, natuerlich protestantisch, wo die Kinder bereits ungeduldig auf ihren Sitzen quaengeln und warten bis sie endlich die Geschenke auspacken koennen. Danach, etwa um 21:30, begibt man sich dann nach Hause und singt ein paar festliche Lieder im "Oh Tannenbaum"- Style und oeffnet dann die voellig ueberteuerten Nichtigkeiten, die man spaetestens im Februar wieder vergessen hat. So war es jedenfalls frueher bei mir. Mittlerweile weiss ich ungefaehr was ich brauche und was nicht. Daher wuensche ich mir einfach immer Geld. Diesem Wunsch wird auch meistens gerne Folge geleistet, da man sich dann meinetwegen nicht mehr den Kopf zerbrechen muss. Nur hin und wieder werde ich durch einige kreative Meisterleistungen meines geliebten Schatzes voellig ueberwaeltigt.

Nun wollen wir das Ganze um ein paar Tausend Kilometer nach Westen verschieben. Wir befinden uns in Asunción. Es ist Weihnachtszeit und auch hier hat der nordamerikanische Kulturimperialismus seine Spuren hinterlassen und dafuer gesorgt, dass es trotz tropischen Temperaturen ueberall von rot-weiss-bemaentelten Weihnachtsmaennern wimmelt, die die Waren diverser Grosskonzerne anpreisen. Interessant ist, dass es hier keinesfalls ueblich ist, seine Mitmenschen mit Geschenken zu ueberhaeufen. Im grossen Rest des Landes wird aus religioesen Gruenden zwar die Geburt des Erloesers (El Salvador) gefeiert, aber normalerweise nicht mit eitlem Tand, sondern einem herzlichen Familientreffen und viel Alkohol und Essen. Die Mehrheit des Volkes ist arm und lebt oft von der Hand in den Mund. Nur der kleine Prozentsatz der Oberschicht, der sich hauptsaechlich in den grossen Staedten vorfindet, begruesst die Ankunft des Christkindes im gewohnt ueberschwaenglich europaeischen Massstab.

Bevor ich die Einzelheiten meines Weihnachtsfests naeher beschreibe, sollte ich vielleicht noch eine Kleinigkeit erwaehnen.

Ich habe vor zwei Wochen meine Familie zum zweiten Mal gewechselt.

Auch diesmal ist diese Entscheidung nicht von mir getroffen worden. Sicher, fuer mich war es sicherlich ein ordentliches Stueck Hoelle auf Erden. Ich war ihnen voellig gleichgueltig und eher eine Last als ein Familienmitglied. Dennoch hatte ich nicht vor, den ersten Schritt zu tun und AFS zu bitten, eine andere Familie zu suchen. Das war sicherlich einerseits, weil ich mir die unangenehme Situation ersparen wollte, sie darauf anzusprechen, aber andererseits auch, weil ich nicht einfach aufgeben wollte. Mein Plan war, es mit diesen Leuten aufzunehmen und wie ein Soldat jedem Unbill, das von ihnen ausging zu widerstehen und tapfer weiter durchzuhalten. Gluecklicherweise waren sie es, die mich baten die Familie zu wechseln, da meine Gastmutter nach Ciudad del Este versetzt wuerde und sie ja meine Aufsichtsperson sei. Ich halte diese Begruendung fuer absolut haltlos und totalen Humbug. Erstens war sie sowieso oefters weg auf Reisen und nicht da, um auf mich aufzupassen. Zweitens war ich kaum zu Hause, weil ich viel arbeiten musste und auch nicht unbedingt ihre stetige Praesenz suchte. Drittens koennte mein Gastvater genausogut auf mich aufpassen. Viertens bin ich 21 und bedarf nicht mehr tagtaeglicher Aufsicht. Letztens, und ich denke das ist des Pudels Kern, haben sie auch noch nie auf mich aufgepasst. Ausser, wenn ich mir was zu essen genommen habe. Ich koennte ja satt werden!
Habe ich diese hieb- und stichfesten Beweise genutzt, um ein ueberzeugendes Plaedoyer fuer ein verlaengertes Aufenthaltsrecht zu konstruieren? Habe ich meine ueberlegenen linguistischen Faehigkeiten in den Dienst der Kontinuitaet des Status Quo gestellt? Nun, genauso gut koennte man auch fragen, ob ich noch ganz klar im Kopf bin. Alter, ich hab gefeiert wie ein Urmensch als ich erfahren hab, dass ich wechseln wuerde. Das war einer der besten Momente meines Lebens!
Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass meine Familie vielleicht doch verstanden hat, dass ich mich nicht wohlfuehlte und mir deshalb diesen Ausweg ermoeglicht hat. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich ihnen einfach nur eine unnuetze Buerde war und sie mich deshalb loswerden wollten. Wie dem auch sei, nun sind wir beide gluecklicher, denke ich. Sie liessen mich natuerlich nicht gehen, ohne AFS zu petzen, dass ich zuviel esse und mein Zimmer nicht aufraeume, wofuer ich dann auch eine Standpauke bekam. Beide Anschuldigungen sind absolut korrekt und beide Verhaltensweise habe ich im Vollbesitz meiner geistigen Kraefte mit grossem Genuss ausgefuehrt. Es tut mir ja Leid, aber zwei Broetchen morgens und ein Teller Suppe abends sind nicht genug fuer einen jungen Kerl, der taeglich mehrere Kilometer geht und danach noch trainiert. Ausserdem haben wir zwei Putzfrauen. Bitte was genau ist ihre Arbeit, wenn nicht Zimmer aufraeumen und putzen? Daher war ich mit meiner Einsicht auch nicht immer ganz freigiebig, was meine Gastfamilie betrifft.

Der Wechsel an sich war eigentlich recht einfach. Als ich von einer kleinen Reise zurueckkam, ueber die ich noch genauer berichten werde, wartete am darauffolgenden Nachmittag schon ein Taxi. Mit meinem ganzen Hab und Gut gings dann Richtung unbekannt. Meine neuen Gasteltern waren noch nicht da. Deshalb oeffnete Enrico, einer meiner drei kleinen Gastbrueder, das Tor.
Also, kurz zu meiner neuen Familie:
Ich habe eine Gastmama und -papa, beide Anfang 40 sowie drei kleine Brueder; 7, 10 und 16 Jahre alt. Die Vorfahren meines Vaters sind Italiener und die meiner Mutter Araber. Mein Papa war des Uebrigen auch schon ein Jahr in Deutschland. Auch mit AFS. Auch als Jugendlicher. Meine Mama hat laengere Zeit fuer eine US-Firma gearbeitet und spricht deshalb auch oefter Englisch mit ihren Kindern. Beide sind, so wie ich das verstanden hab, Ingenieure. Man merkt gleich, dass man es hier mit Leuten zu tun hat, die offener fuer den Rest der Welt sind und die kulturelle Differenzen nicht nur aus der Zeitung kennen.
Insgesamt fuehle ich mich bisher sehr wohl. Wir haben schon mehrere tolle Erlebnisse zusammen gehabt, aber ich moechte jetzt nicht den Rahmen sprengen und naeher darauf eingehen. Sicherlich werde ich bei Zeiten noch einmal darauf zurueckkommen.

Zurueck zur Weihnachtsfeierei. Da mich meine zweite Familie derbst ankotzte, hatte ich schon seit geraumer Zeit das gemeinsame Weihnachtsfest gefuerchtet. Siehe "Die schlimmste Party. Ever." falls du dich fragst, warum.
Daher hatte ich mich, schlauer Bursche, der ich bin, bei meinem coolen Kollegen Carlos zu seiner Familie selbst eingeladen bzw. hab es so dargestellt, dass er mich einlud. Das war damals auch ein toller Moment gewesen und ich hatte mich schon auf ihn und seine Familie gefreut. Da wusste ich aber noch nichts von dem geplanten Familienwechsel und auch nicht, dass ich am 23. Dezember krank werden sollte - leichte Mandelentzuendung. Auf jeden Fall musste ich absagen, was aber kein Ding war, da ihm meine Gesundheit wichtiger war, als mich nochmals seiner Familie zu praesentieren (die ich uebrigens sehr mag, auch wenn man fast immer nur Guaraní spricht). Gaebe es mehr von seiner Sorte, waere die Welt echt ein ganzen Stueck lebenswerter. Vom ihm und auch meinen anderen Kollegen kann ich echt noch was lernen, vor allem sozial gesehen.
Daher also verbrachte ich Weihnachten mit meiner neuen Familie. Nachdem sie mit mir nachts noch zum Krankenhaus gefahren waren, weil sie sichergehen wollten, dass ich auch keine Streptokokken-Infektion hatte, gaben sie mir anschliessend noch mindestens fuenf verschiedene Medikamente. Mein Freund Eric, der gerade sein Jahr in Kolumbien verbringt, wuerde sich sicherlich in seiner Haengematte umdrehen, da er ganz klar der Homoeopathie den Vorzug gibt. Auch ich nehme eigentlich nie irgendwelche "teuflischen pharmazeutischen Erzeugnisse", um den Strassenpoeten Samy D Luxe zu zitieren, aber ich wollte meine neue Familie nicht beleidigen. Ausserdem hats super geholfen!
Weihnachten hier laeuft normalerweise so ab, dass man zunaechst ein grosses Familienessen abhaelt, dann um Mitternacht die Geschenke oeffnet und schliesslich zur Messe geht. Den letzten Teil haben wir gluecklicherweise weggelassen, denn um halb zwei nachts in die Kirche muss wegen mir eigentlich gar nicht sein. Bei uns gab es jedenfalls viel leckeres Essen und ich habe einen Haufen netter Verwandter getroffen. Ist schon komisch, dass ich auf einmal so gut wie alle Verwandten sympathisch finde, waehrend mir die vorherigen fast alle auf die Nerven gingen. Sollte man daraus etwa ableiten koennen, dass sich Personen mit bestimmten Charaktereigenschaften fuer gewoehnlich zusammentun? Sind bestimmte Persoenlichkeitszuege vererblich? Das finde ich eine sehr interessante These, die mich daran erinnert, dass ich anfangs mal Soziologie und auch Medizin studieren wollte. Auch wenn Ersteres eine Abbrecherquote von nahezu 70% hat, fuehle ich mich nachwievor dazu hingezogen. Mehr aber auch nicht. Dennoch wuerde ich euch, liebe Leser, darum bitten, mal selbst ueber diesen Sachverhalt weiter nachzudenken.

Das war im Grossen und Ganzen Weihnachten. Mir ist durchaus bewusst, dass ich dem eigentlichen Geschehen wenige Zeilen gewidmet habe, aber das liegt daran, dass ich keine Lust habe, naeher darauf einzugehen. Es war schoen und angenehm, eignet sich aber nicht zu einer Megastory. Eine der Grundregeln des Schreibens ist, dass man dabei immer selbst Spass haben sollte, wenn jemand anders das Geschriebene moegen soll. Daher schreibe ich immer nur Gedanken und Tatsachen nieder, die von literarischen Wert sind. Kann ich als einzelne Person bestimmen, was litarisch wertvoll ist und was nicht? Klar! Ist mein Blog, ey! Was glaubst du denn!?

Bis naechste Woche! ;-)

Sunday, December 20, 2009

Meine Arbeit und was ich hier eigentlich mache.

Leudeeeee!
Alter, damn es ist lange her! Seid ihr frustiert, habt ihr keinen Bock mehr auf Warten? Fuerchtet euch nicht, denn es ist endlich soweit. Euer Lieblingsautor meldet sich wieder zu Wort.

Jan-Willem Pruegel hat viele Geschichten zu erzaehlen. Zu viele. Aber ich denke ich werd einfach mal ein zwei Ereignisse herauspicken und euch zum Besten geben.
Anfangen moechte ich mit einer kleinen Beschreibung meiner Arbeitsstelle. Schon von mehreren Personen wurde ich gebeten, Aufschluss ueber meine eigentliche Beschaeftigung zu geben. Boese Zungen behaupten sogar ich wuerde den ganzen Tag nur chillen und keinen Finger ruehren. Ueeeebelste Unterstellung. Bin staendig am Schwitzen. Klar, liegt auch am 40 Grad Wetter, aber das tut hier jetzt nix zur Sache.
Also, ich bin freiwilliger Mitarbeiter einer Nicht-Regierungs-Organisation names Tierranuestra (spanisch fuer "Unsere Erde"), die in vielen Bereichen taetig ist. Unser Slogan ist "Aprendizaje para el desarrollo" (frei uebersetzt "Lehren um zu entwickeln")



Die Hauptarbeit wird im oekologisch-praeventiven Sektor verrichtet. Wir leisten Aufklaerungsarbeit in Paraguay, um den Leuten klarzumachen, dass wir nur diesen einen Planeten haben und gut auf ihn Acht geben muessen. Meine Rolle hierbei ist, dass ich mit meinem Team an verschiedene Schulen fahre und wir dort Workshops machen, die spielerisch und auch paedagogisch wichtige Naturschutzgrundprinzipien vermitteln. Wir beschraenken uns aber nicht nur auf Laberei, sondern realisieren auch verschiedenste Projekte. Meist helfen wir dabei, Baeume zu pflanzen, den Schulhof zu saeubern oder Klassensaele zu streichen. Normalerweise geben wir aber nur den Anstoss und bringen somit den sprichwoertlichen Stein ins Rollen. Nebenbei kann ich noch viele Kinder und Jugendliche kennen lernen, die meist mehr an meinem Leben interessiert sind als an meinen erleuchtenden Worten. Das ist aber ok, weil ich so zum interkulturellen Austausch beitragen kann.

Des Weiteren hat Tierranuestra eine Unterabteilung namens Sonidos de la Tierra (spanisch fuer "Klaenge der Erde" oder auch "Weltweite Klaenge"), die es sich zur Aufgabe gemacht hat Strassenkindern klassische Musik naeherzubringen. Dafuer werden Spenden gesammelt, um Lehrer auszubilden, Fahrtkosten zu erstatten und auch Instrumente zu kaufen. Als waere das noch nicht genug, so gibt es eine weitere Besonderheit der Sonidos-Leute: Sie stellen sogar einige Instrumente aus Muell her. Und glaubt mir ich hab einige davon selbst ausprobiert. Sind fuer den Laien im Klang absolut nicht von den kostspieligen Originalen zu unterscheiden. Um zu verdeutlich wie kostspielig nehme ich immer wieder gerne den Vergleich einer Geige eines Jungen, dessen Haus weniger wert ist als sein Instrument.
Insgesamt gefaellt mir meine Arbeit sehr und muss auch sagen, dass meine Kollegen super sind. Oft waren sie mir eine Stuetze in schweren Zeiten, waehrend mich meine Gastfamilie nur abgestresst hat.
Apropos Familie...da gibts auch noch ne Riesenneuerung. Aber mehr davon naechste Woche, ihr Blogsuechtigen!

und keine Angst, jetzt werde ich wieder regelmaessig posten. Bald werdet ihr wissen weshalb!

euer Jan!

Saturday, November 14, 2009

ANHALTEN!!



Geneigte Leser,
Wieder einmal ist es an der Zeit euch etwas ueber eine fremde Kultur beizubringen und ein wenig den Schleier der Ignoranz zu lueften. Mir ist durchaus bewusst, dass ich noch ueber meine Arbeit schreiben sollte, aber das werde ich bei Gelegenheit auch noch tun, keine Sorge.
Heute jedoch moechte ich ein euch an anderes Thema naeherbringen:

Das oeffentliche Bussystem

Es mag euch zunaechst trivial erscheinen, diesem scheinbar unwichtigen Aspekt einen eigenen Bericht zu widmen, aber glaubt mir, es lohnt sich.
Am besten fange ich mit der prinzipiellen Struktur des Omnibussystems hier an und vergleiche sie mit der in Deutschland. Ihr alle wisst, wie es bei uns daheim ablaeuft: Man hat an der Bushalte eine Tabelle, die genau angibt, welche Linie wann abfaehrt und in welchem Ort sie zu gegebener Zeit sein wird. In meiner Nachbarschaft, ihr wisst, ich lebe eher rural, fahren am Tag etwa drei bis vier Busse, die mich in die naechst groessere Ortschaft bringen. Entsprechend wichtig ist es da auf die Minute genau zu planen, wie ich rechtzeitig an die Haltestelle komme. Einsteigend, wird dann erst mal berappt und dank den steigenden Oelpreisen auch nicht zu knapp. Dafuer kann ich mich anschliessend bequem auf einen gepolsterten, wenn auch uebel staubigen Sitz niederlassen und erstmal tagtraeumend die Seele baumeln lassen.

Das war Deutschland.

Jetzt ist Schluss damit. Wir sind hier in Suedamerika, meine Lieben. Zack Zack, sag ich da nur! Da ich in der Hauptstadt Asunción wohnhaft bin, gelten sicher nochmal andere Parameter als fuer den grossen Rest Paraguays. Dennoch ist es sehr denkwuerdig, wie hier der Hase laeuft.
Es fahren staendig und ueberall Busse. Sie fahren sehr schnell, sie fahren sehr laut und sie fahren ganz sicher ohne Katalysator. Moechte man sich fuer Karneval beispielsweise als Afro-Amerikaner verkleiden, braucht man sich bloss mal kurz vor den Auspuff eines dieser blechernen Ungetueme stellen.
Es gibt mindestens 50 verschiedene Linien, die auch oft nicht nur in Asunción unterwegs sind, sondern meist auch in nahe gelegenen Vororten verkehren. Interessant ist auch, dass nirgendwo angegeben wird, wann oder vor allem auch WOHIN welche Linie eigentlich faehrt. Aufgrund dieses Mangels an Informationen, bin ich den ersten Monat auch komplett ohne die Benutzung eines “colectivos” ausgekommen. Da ich mittlerweile, aber ca. 15 minuten Busfahrt von meiner Arbeitsstelle entfernt wohne, beschloss ich, dann doch regelmaessig mit dem Bus zu fahren. Es war faszinierend!
Doch davon gleich mehr. Als ich Carlito, meinen Kollegen fragte, wie er es denn gelernt habe, meinte er grinsend: “Tenés que probar!” (Musste halt versuchen!). Tatsaechlich bin ich auch schon des Oefteren mitten auf meiner Reise ausgesprungen (nicht geSTIEGEN!), weil die Busfahrt ploetzlich eine ungewoehnliche Wendung nahm. Einmal hat der Bus sogar 10m nach Einstieg einfach die Fahrtrichtung um 180 Grad gaendert. Da ich nicht als Trottel dastehen wollte, fuhr ich etwa 30 Sekunden ruhig sitzend mit. Danach musste ich dann denselben Weg zur Bushaltestelle noch einmal gehen. Aber ich habs gelassen gesehen. So wie alle anderen auch. Aufregen bringt halt einfach nichts!

Wenn man nun dieses oeffentliche Verkehrsmittel fuer sich zu nutzen gedenkt, folgt man am besten folgendem Schema:

1. An eine Strassenecke stellen und warten. Steht man in der Mitte eines Blocks, kann es durchaus sein, dass der Fahrer diese Art der Sittenlosigkeit mit Vorbeifahren straft.
2. Richtige Linie abwarten. Wenn man weiss, welche wohin faehrt ist der Kampf schon halb gewonnen.
3. Bus kommt -> Arm, Bein oder sonstige Extremitaet ausstrecken um zu signalisieren, dass man mitfahren moechte. Dies sollte moeglichst deutlich und vor allem rechtzeitig geschehen. Fairerweise muss ich sagen, dass die Busfahrer aber eigentlich immer anhalten, wenn sie einen potentiellen Passagier erblicken.
4. Aufspringen! Genau! Im Sinne von: den Arsch hochkriegen. Im Gegensatz zu deutschen Landen halten die Busse hier naemlich nicht an, sondern fahren nur etwas langsamer. Meistens faehrt er auch schon los sobald man in der Tuer ist. Selbst bei Aelteren Leuten haelt er meistens nicht voellig an.
5. Bezahlen. Jede Fahrt, egal wohin, kostet immer denselben Festpreis: 2100 Guaranies. Das sind umgerechnet etwa 30 Cent. Nur wenn man in eine mehrere Kilometer entfernte Stadt faehrt, wird waehrend der Fahrt abgerechnet. Aber selbst nach Buenos Aires oder Rio de Janeiro, was etliche Stunden entfernt liegt, bezahlt man kaum mehr als 35 Euro.
Die Art des Bezahlens ist auch recht interessant. Man sollte das Kleingeld am Besten bereits abzaehlt griffbereit haben, um schnell einen Sitzplatz zu bekommen, ehe der Bus anfaengt gnadenlos zu beschleunigen. Bei Bedarf bekommt man aber auch Wechselgeld, das der Buslenker waehrend der Fahrt gemaechlich aus seiner Kasse hervorkramt. Nach dem Motto “Kohle geht vor”, zaehlt er zunaechst seine Einnahmen, bevor er den Gegenverkehr zur Kenntnis nimmt.
6. Hinsetzen. Mein Lieblingsteil. Bei den meisten Bussen, die ich benutze gibt es immer so ein bescheuertes Drehkreuz, was meines Wissens nach wohl die Passagiere zaehlt. Es ist sehr schmal, im Gegensatz zu mir. Da ich des Uebrigen meistens einen Rucksack bei mir trage, muss ich mich oft quetschen.



So ist der ungefaehre Ablauf. Witzig ist auch immer wieder, in einen oeffentlichen Bus einzusteigen und zu wissen, dass sich so gut wie alle Koepfe nach diesem grossen Typen mit blondem Iro umdrehen, der etwa so paraguayisch ist wie der nordamerikanische SuperBowl. Mittlerweile hab ich mich aber dran gewoehnt und nehms gelassen.
Oft geschieht es auch, dass alle Plaetze belegt sind und man stehen muss. Das macht mir an sich auch gar nichts aus, da ich gerne stehe und man so die Bewegungen des colectivos auch viel besser abfedern kann. Ausserdem gibt es ueberall Haltemoeglichkeiten und durch meine hier ueberdurchschnittliche Groesse bin ich hier vor den diversen Koerpergeruechen etwas sicherer, da meine Nase buchstaeblich ueber den Dingen steht. Einzig stoeren mich, bei Ueberfuelltheit die Probleme des Aussteigens. Anfangs hatte ich keine Ahnung wie die Leute das eigentlich machen. Man stand dicht gedraengt nebeneinander und das Ziel rueckte immer naeher.
Als dann einmal Panik in mir hochstieg, wollte ich mit einem laessigen “permiso” (Verzeihung) aufstehen. Zu meiner Bestuerzung sah ich, dass man fuer mich nicht aus dem Weg ging. Na toll! Ich drueckte mich dann schliesslich durch und wollte, schon halb aufgestanden, nach dem an der Decke angebrachten Haltegriff greifen, als der Bus ploetzlich schneller wurde und ich nach hinten geschleudert wurde. Gluecklicherweise wurde mein schwebendes Hinterteil vom Gesicht einer Frau gebremst, die neben mir sass. Stabilisiert setzte ich also meinen Weg fort. Vorsichtshalber drueckte ich mich dann schnell durch die Menge, um moeglichen Konsequenzen zu entwischen. Ich glaube sie rief mir erzuernt noch etwas hinterher, aber an dieser Stelle war ich zum ersten Mal froh, dass mein Spanisch noch nicht so gut war.
Bemerkenswert sind auch die illustren Gestalten, die in regelmaessigen Abstaenden in die colectivos kommen, um den naiven Passagieren ihr Geld aus den Rippen zu leiern. Meist sind es kleine Kinder mit deutlich dunklerer Hautfarbe als der Durchschnittsparaguayer. Ihr staerker pigmentierter Teint unterscheidet sie von den Mestizen und weist sie als Angehoerige der immer weiter vertriebenen Guaraní-Indianer aus. Sie gehen meist mit kleinen bedruckten Kaertchen umher, die sie verteilen und dann Geld dafuer fordern. Manchmal hatte ich auch das Pech, dass sie anfangen zu singen. Einmal hat sich ein Junge in den leeren Sitz vor mir gekniet und mich dabei angestarrt und in einer mir voellig fremden Sprache gesungen. So schlecht wie er gekraechzt hat, kann ich nur annehmen, dass er einfach eine kostenlose Ueberfahrt erschnorren wollte.
Manchmal sind die Verkaeufer aber auch ganz unterhaltsam und spielen gekonnt Saxophon, Panfloete oder Gitarre. Die sind dann schon eine kleine Spende wert.
Auch kommen immer wieder Verkaeufer mit Getraenken, Kaugummis oder auch Haarspangen herein, die immer wieder auf ein paar willige Kaeufer stossen.
Man haelt den Bus uebrigens an, indem man an einer Schnur an der Decke zieht oder einen Knopf am Ausgang betaetigt. Erst letzte Woche funktionierten diese Mechanismen allerdings einmal nicht. Zum Glueck pfiff jemand laut und der Bus kam zum stehen.
Erzaehlenswert ist auch, dass ich einmal, weil ich vorne sass und hinten so viele Leute dicht gedraengt standen, durch den Einstieg des Busses aussteigen wollte. Dazu musste ich aber vorher ueber das Drehkreuz springen. Ich kam gerade vom Fitnessstudio und war noch richtig aufgepumpt und wollte wieder mal einen coolen Abgang machen. Ich stand also auf, hielt mich an der Halterung ueber mir fest und zog mich hoch. Der Teil klappte gut. Dann schwang ich mich nach vorn und ueberschaetze dummerweise meine Kraft, sodas ich fast fliegend nach vorne geschleudert wurde. Beim Aufkommen trat ich dann glaub ich noch auf den Zeh einer aelteren Dame und hing zudem mit einem Baendel meines Rucksacks am Drehkreuz fest. Als ich dann endlich ganz an der Tuer war, bemerkte ich, dass ich vergessen hatte an der Schnur zu ziehen und kam auch von dort nicht mehr dran. Die Dame hinter mir bat ich lieber nicht um Hilfe. Also musste ich noch warten bis der Wagen endlich anhielt und beschaemt aussteigen. Aber egal, ich werde weiter an meiner Technik feilen und mich zum absoluten Busexperten mausern!


Bis naechste Woche, ihr Knallkoeppe!

Hinterlasst mir mehr Kommentare!! Nicht bloss Lars! ;-)

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