Friday, December 25, 2009

i Feliz Navidad amigos !



Liebe Freunde und Weggefaehrten,

ihr begleitet mich nun schon seit fast 5 Monaten. Dafuer danke ich euch. Fuer alle, die mich erst seit kurzem entdeckt haben: Seid willkommen. Stets freue ich mich ueber jeden Leser.
Hier bei Janinparaguay.blogspot.com sind wir liberal und tolerant. Ich moechte, dass die Jugend ebenso so sehr meine Geschichten verschlingt wie die etwas Betagteren (an dieser Stelle Gruesse an die Mehrheit meiner frueheren Lehrer). Wir sind farbenblind, kennen viele Goetter und gehen nicht waehlen. Und wenn, dann nur die SPD!
Kurz gesagt, wenn du das hier lesen kannst, dann stell dir vor, dass ich diese Zeilen nur fuer dich geschrieben habe, egal, was deine Ueberzeugungen sind!

Leute! Weihnachten. Ich weiss, ich hab noch nen Haufen anderer geiler Hardcorestories im Petto, aber yo, irgendwo muss ich ja mal anfangen. Aus gegebenem Anlass werde ich allerdings einen Artikel ueber das besinnlichste Fest des Jahres schreiben und wie ich es hier verlebt habe.
Also, zunaechst vergleiche ich wieder den Ablauf in meinem deutschen Heim mit dem hiesigen.
In Deutschland gehen wir etwa um 8 Uhr in die Kirche, natuerlich protestantisch, wo die Kinder bereits ungeduldig auf ihren Sitzen quaengeln und warten bis sie endlich die Geschenke auspacken koennen. Danach, etwa um 21:30, begibt man sich dann nach Hause und singt ein paar festliche Lieder im "Oh Tannenbaum"- Style und oeffnet dann die voellig ueberteuerten Nichtigkeiten, die man spaetestens im Februar wieder vergessen hat. So war es jedenfalls frueher bei mir. Mittlerweile weiss ich ungefaehr was ich brauche und was nicht. Daher wuensche ich mir einfach immer Geld. Diesem Wunsch wird auch meistens gerne Folge geleistet, da man sich dann meinetwegen nicht mehr den Kopf zerbrechen muss. Nur hin und wieder werde ich durch einige kreative Meisterleistungen meines geliebten Schatzes voellig ueberwaeltigt.

Nun wollen wir das Ganze um ein paar Tausend Kilometer nach Westen verschieben. Wir befinden uns in Asunción. Es ist Weihnachtszeit und auch hier hat der nordamerikanische Kulturimperialismus seine Spuren hinterlassen und dafuer gesorgt, dass es trotz tropischen Temperaturen ueberall von rot-weiss-bemaentelten Weihnachtsmaennern wimmelt, die die Waren diverser Grosskonzerne anpreisen. Interessant ist, dass es hier keinesfalls ueblich ist, seine Mitmenschen mit Geschenken zu ueberhaeufen. Im grossen Rest des Landes wird aus religioesen Gruenden zwar die Geburt des Erloesers (El Salvador) gefeiert, aber normalerweise nicht mit eitlem Tand, sondern einem herzlichen Familientreffen und viel Alkohol und Essen. Die Mehrheit des Volkes ist arm und lebt oft von der Hand in den Mund. Nur der kleine Prozentsatz der Oberschicht, der sich hauptsaechlich in den grossen Staedten vorfindet, begruesst die Ankunft des Christkindes im gewohnt ueberschwaenglich europaeischen Massstab.

Bevor ich die Einzelheiten meines Weihnachtsfests naeher beschreibe, sollte ich vielleicht noch eine Kleinigkeit erwaehnen.

Ich habe vor zwei Wochen meine Familie zum zweiten Mal gewechselt.

Auch diesmal ist diese Entscheidung nicht von mir getroffen worden. Sicher, fuer mich war es sicherlich ein ordentliches Stueck Hoelle auf Erden. Ich war ihnen voellig gleichgueltig und eher eine Last als ein Familienmitglied. Dennoch hatte ich nicht vor, den ersten Schritt zu tun und AFS zu bitten, eine andere Familie zu suchen. Das war sicherlich einerseits, weil ich mir die unangenehme Situation ersparen wollte, sie darauf anzusprechen, aber andererseits auch, weil ich nicht einfach aufgeben wollte. Mein Plan war, es mit diesen Leuten aufzunehmen und wie ein Soldat jedem Unbill, das von ihnen ausging zu widerstehen und tapfer weiter durchzuhalten. Gluecklicherweise waren sie es, die mich baten die Familie zu wechseln, da meine Gastmutter nach Ciudad del Este versetzt wuerde und sie ja meine Aufsichtsperson sei. Ich halte diese Begruendung fuer absolut haltlos und totalen Humbug. Erstens war sie sowieso oefters weg auf Reisen und nicht da, um auf mich aufzupassen. Zweitens war ich kaum zu Hause, weil ich viel arbeiten musste und auch nicht unbedingt ihre stetige Praesenz suchte. Drittens koennte mein Gastvater genausogut auf mich aufpassen. Viertens bin ich 21 und bedarf nicht mehr tagtaeglicher Aufsicht. Letztens, und ich denke das ist des Pudels Kern, haben sie auch noch nie auf mich aufgepasst. Ausser, wenn ich mir was zu essen genommen habe. Ich koennte ja satt werden!
Habe ich diese hieb- und stichfesten Beweise genutzt, um ein ueberzeugendes Plaedoyer fuer ein verlaengertes Aufenthaltsrecht zu konstruieren? Habe ich meine ueberlegenen linguistischen Faehigkeiten in den Dienst der Kontinuitaet des Status Quo gestellt? Nun, genauso gut koennte man auch fragen, ob ich noch ganz klar im Kopf bin. Alter, ich hab gefeiert wie ein Urmensch als ich erfahren hab, dass ich wechseln wuerde. Das war einer der besten Momente meines Lebens!
Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass meine Familie vielleicht doch verstanden hat, dass ich mich nicht wohlfuehlte und mir deshalb diesen Ausweg ermoeglicht hat. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich ihnen einfach nur eine unnuetze Buerde war und sie mich deshalb loswerden wollten. Wie dem auch sei, nun sind wir beide gluecklicher, denke ich. Sie liessen mich natuerlich nicht gehen, ohne AFS zu petzen, dass ich zuviel esse und mein Zimmer nicht aufraeume, wofuer ich dann auch eine Standpauke bekam. Beide Anschuldigungen sind absolut korrekt und beide Verhaltensweise habe ich im Vollbesitz meiner geistigen Kraefte mit grossem Genuss ausgefuehrt. Es tut mir ja Leid, aber zwei Broetchen morgens und ein Teller Suppe abends sind nicht genug fuer einen jungen Kerl, der taeglich mehrere Kilometer geht und danach noch trainiert. Ausserdem haben wir zwei Putzfrauen. Bitte was genau ist ihre Arbeit, wenn nicht Zimmer aufraeumen und putzen? Daher war ich mit meiner Einsicht auch nicht immer ganz freigiebig, was meine Gastfamilie betrifft.

Der Wechsel an sich war eigentlich recht einfach. Als ich von einer kleinen Reise zurueckkam, ueber die ich noch genauer berichten werde, wartete am darauffolgenden Nachmittag schon ein Taxi. Mit meinem ganzen Hab und Gut gings dann Richtung unbekannt. Meine neuen Gasteltern waren noch nicht da. Deshalb oeffnete Enrico, einer meiner drei kleinen Gastbrueder, das Tor.
Also, kurz zu meiner neuen Familie:
Ich habe eine Gastmama und -papa, beide Anfang 40 sowie drei kleine Brueder; 7, 10 und 16 Jahre alt. Die Vorfahren meines Vaters sind Italiener und die meiner Mutter Araber. Mein Papa war des Uebrigen auch schon ein Jahr in Deutschland. Auch mit AFS. Auch als Jugendlicher. Meine Mama hat laengere Zeit fuer eine US-Firma gearbeitet und spricht deshalb auch oefter Englisch mit ihren Kindern. Beide sind, so wie ich das verstanden hab, Ingenieure. Man merkt gleich, dass man es hier mit Leuten zu tun hat, die offener fuer den Rest der Welt sind und die kulturelle Differenzen nicht nur aus der Zeitung kennen.
Insgesamt fuehle ich mich bisher sehr wohl. Wir haben schon mehrere tolle Erlebnisse zusammen gehabt, aber ich moechte jetzt nicht den Rahmen sprengen und naeher darauf eingehen. Sicherlich werde ich bei Zeiten noch einmal darauf zurueckkommen.

Zurueck zur Weihnachtsfeierei. Da mich meine zweite Familie derbst ankotzte, hatte ich schon seit geraumer Zeit das gemeinsame Weihnachtsfest gefuerchtet. Siehe "Die schlimmste Party. Ever." falls du dich fragst, warum.
Daher hatte ich mich, schlauer Bursche, der ich bin, bei meinem coolen Kollegen Carlos zu seiner Familie selbst eingeladen bzw. hab es so dargestellt, dass er mich einlud. Das war damals auch ein toller Moment gewesen und ich hatte mich schon auf ihn und seine Familie gefreut. Da wusste ich aber noch nichts von dem geplanten Familienwechsel und auch nicht, dass ich am 23. Dezember krank werden sollte - leichte Mandelentzuendung. Auf jeden Fall musste ich absagen, was aber kein Ding war, da ihm meine Gesundheit wichtiger war, als mich nochmals seiner Familie zu praesentieren (die ich uebrigens sehr mag, auch wenn man fast immer nur Guaraní spricht). Gaebe es mehr von seiner Sorte, waere die Welt echt ein ganzen Stueck lebenswerter. Vom ihm und auch meinen anderen Kollegen kann ich echt noch was lernen, vor allem sozial gesehen.
Daher also verbrachte ich Weihnachten mit meiner neuen Familie. Nachdem sie mit mir nachts noch zum Krankenhaus gefahren waren, weil sie sichergehen wollten, dass ich auch keine Streptokokken-Infektion hatte, gaben sie mir anschliessend noch mindestens fuenf verschiedene Medikamente. Mein Freund Eric, der gerade sein Jahr in Kolumbien verbringt, wuerde sich sicherlich in seiner Haengematte umdrehen, da er ganz klar der Homoeopathie den Vorzug gibt. Auch ich nehme eigentlich nie irgendwelche "teuflischen pharmazeutischen Erzeugnisse", um den Strassenpoeten Samy D Luxe zu zitieren, aber ich wollte meine neue Familie nicht beleidigen. Ausserdem hats super geholfen!
Weihnachten hier laeuft normalerweise so ab, dass man zunaechst ein grosses Familienessen abhaelt, dann um Mitternacht die Geschenke oeffnet und schliesslich zur Messe geht. Den letzten Teil haben wir gluecklicherweise weggelassen, denn um halb zwei nachts in die Kirche muss wegen mir eigentlich gar nicht sein. Bei uns gab es jedenfalls viel leckeres Essen und ich habe einen Haufen netter Verwandter getroffen. Ist schon komisch, dass ich auf einmal so gut wie alle Verwandten sympathisch finde, waehrend mir die vorherigen fast alle auf die Nerven gingen. Sollte man daraus etwa ableiten koennen, dass sich Personen mit bestimmten Charaktereigenschaften fuer gewoehnlich zusammentun? Sind bestimmte Persoenlichkeitszuege vererblich? Das finde ich eine sehr interessante These, die mich daran erinnert, dass ich anfangs mal Soziologie und auch Medizin studieren wollte. Auch wenn Ersteres eine Abbrecherquote von nahezu 70% hat, fuehle ich mich nachwievor dazu hingezogen. Mehr aber auch nicht. Dennoch wuerde ich euch, liebe Leser, darum bitten, mal selbst ueber diesen Sachverhalt weiter nachzudenken.

Das war im Grossen und Ganzen Weihnachten. Mir ist durchaus bewusst, dass ich dem eigentlichen Geschehen wenige Zeilen gewidmet habe, aber das liegt daran, dass ich keine Lust habe, naeher darauf einzugehen. Es war schoen und angenehm, eignet sich aber nicht zu einer Megastory. Eine der Grundregeln des Schreibens ist, dass man dabei immer selbst Spass haben sollte, wenn jemand anders das Geschriebene moegen soll. Daher schreibe ich immer nur Gedanken und Tatsachen nieder, die von literarischen Wert sind. Kann ich als einzelne Person bestimmen, was litarisch wertvoll ist und was nicht? Klar! Ist mein Blog, ey! Was glaubst du denn!?

Bis naechste Woche! ;-)

Sunday, December 20, 2009

Meine Arbeit und was ich hier eigentlich mache.

Leudeeeee!
Alter, damn es ist lange her! Seid ihr frustiert, habt ihr keinen Bock mehr auf Warten? Fuerchtet euch nicht, denn es ist endlich soweit. Euer Lieblingsautor meldet sich wieder zu Wort.

Jan-Willem Pruegel hat viele Geschichten zu erzaehlen. Zu viele. Aber ich denke ich werd einfach mal ein zwei Ereignisse herauspicken und euch zum Besten geben.
Anfangen moechte ich mit einer kleinen Beschreibung meiner Arbeitsstelle. Schon von mehreren Personen wurde ich gebeten, Aufschluss ueber meine eigentliche Beschaeftigung zu geben. Boese Zungen behaupten sogar ich wuerde den ganzen Tag nur chillen und keinen Finger ruehren. Ueeeebelste Unterstellung. Bin staendig am Schwitzen. Klar, liegt auch am 40 Grad Wetter, aber das tut hier jetzt nix zur Sache.
Also, ich bin freiwilliger Mitarbeiter einer Nicht-Regierungs-Organisation names Tierranuestra (spanisch fuer "Unsere Erde"), die in vielen Bereichen taetig ist. Unser Slogan ist "Aprendizaje para el desarrollo" (frei uebersetzt "Lehren um zu entwickeln")



Die Hauptarbeit wird im oekologisch-praeventiven Sektor verrichtet. Wir leisten Aufklaerungsarbeit in Paraguay, um den Leuten klarzumachen, dass wir nur diesen einen Planeten haben und gut auf ihn Acht geben muessen. Meine Rolle hierbei ist, dass ich mit meinem Team an verschiedene Schulen fahre und wir dort Workshops machen, die spielerisch und auch paedagogisch wichtige Naturschutzgrundprinzipien vermitteln. Wir beschraenken uns aber nicht nur auf Laberei, sondern realisieren auch verschiedenste Projekte. Meist helfen wir dabei, Baeume zu pflanzen, den Schulhof zu saeubern oder Klassensaele zu streichen. Normalerweise geben wir aber nur den Anstoss und bringen somit den sprichwoertlichen Stein ins Rollen. Nebenbei kann ich noch viele Kinder und Jugendliche kennen lernen, die meist mehr an meinem Leben interessiert sind als an meinen erleuchtenden Worten. Das ist aber ok, weil ich so zum interkulturellen Austausch beitragen kann.

Des Weiteren hat Tierranuestra eine Unterabteilung namens Sonidos de la Tierra (spanisch fuer "Klaenge der Erde" oder auch "Weltweite Klaenge"), die es sich zur Aufgabe gemacht hat Strassenkindern klassische Musik naeherzubringen. Dafuer werden Spenden gesammelt, um Lehrer auszubilden, Fahrtkosten zu erstatten und auch Instrumente zu kaufen. Als waere das noch nicht genug, so gibt es eine weitere Besonderheit der Sonidos-Leute: Sie stellen sogar einige Instrumente aus Muell her. Und glaubt mir ich hab einige davon selbst ausprobiert. Sind fuer den Laien im Klang absolut nicht von den kostspieligen Originalen zu unterscheiden. Um zu verdeutlich wie kostspielig nehme ich immer wieder gerne den Vergleich einer Geige eines Jungen, dessen Haus weniger wert ist als sein Instrument.
Insgesamt gefaellt mir meine Arbeit sehr und muss auch sagen, dass meine Kollegen super sind. Oft waren sie mir eine Stuetze in schweren Zeiten, waehrend mich meine Gastfamilie nur abgestresst hat.
Apropos Familie...da gibts auch noch ne Riesenneuerung. Aber mehr davon naechste Woche, ihr Blogsuechtigen!

und keine Angst, jetzt werde ich wieder regelmaessig posten. Bald werdet ihr wissen weshalb!

euer Jan!

Saturday, November 14, 2009

ANHALTEN!!



Geneigte Leser,
Wieder einmal ist es an der Zeit euch etwas ueber eine fremde Kultur beizubringen und ein wenig den Schleier der Ignoranz zu lueften. Mir ist durchaus bewusst, dass ich noch ueber meine Arbeit schreiben sollte, aber das werde ich bei Gelegenheit auch noch tun, keine Sorge.
Heute jedoch moechte ich ein euch an anderes Thema naeherbringen:

Das oeffentliche Bussystem

Es mag euch zunaechst trivial erscheinen, diesem scheinbar unwichtigen Aspekt einen eigenen Bericht zu widmen, aber glaubt mir, es lohnt sich.
Am besten fange ich mit der prinzipiellen Struktur des Omnibussystems hier an und vergleiche sie mit der in Deutschland. Ihr alle wisst, wie es bei uns daheim ablaeuft: Man hat an der Bushalte eine Tabelle, die genau angibt, welche Linie wann abfaehrt und in welchem Ort sie zu gegebener Zeit sein wird. In meiner Nachbarschaft, ihr wisst, ich lebe eher rural, fahren am Tag etwa drei bis vier Busse, die mich in die naechst groessere Ortschaft bringen. Entsprechend wichtig ist es da auf die Minute genau zu planen, wie ich rechtzeitig an die Haltestelle komme. Einsteigend, wird dann erst mal berappt und dank den steigenden Oelpreisen auch nicht zu knapp. Dafuer kann ich mich anschliessend bequem auf einen gepolsterten, wenn auch uebel staubigen Sitz niederlassen und erstmal tagtraeumend die Seele baumeln lassen.

Das war Deutschland.

Jetzt ist Schluss damit. Wir sind hier in Suedamerika, meine Lieben. Zack Zack, sag ich da nur! Da ich in der Hauptstadt Asunción wohnhaft bin, gelten sicher nochmal andere Parameter als fuer den grossen Rest Paraguays. Dennoch ist es sehr denkwuerdig, wie hier der Hase laeuft.
Es fahren staendig und ueberall Busse. Sie fahren sehr schnell, sie fahren sehr laut und sie fahren ganz sicher ohne Katalysator. Moechte man sich fuer Karneval beispielsweise als Afro-Amerikaner verkleiden, braucht man sich bloss mal kurz vor den Auspuff eines dieser blechernen Ungetueme stellen.
Es gibt mindestens 50 verschiedene Linien, die auch oft nicht nur in Asunción unterwegs sind, sondern meist auch in nahe gelegenen Vororten verkehren. Interessant ist auch, dass nirgendwo angegeben wird, wann oder vor allem auch WOHIN welche Linie eigentlich faehrt. Aufgrund dieses Mangels an Informationen, bin ich den ersten Monat auch komplett ohne die Benutzung eines “colectivos” ausgekommen. Da ich mittlerweile, aber ca. 15 minuten Busfahrt von meiner Arbeitsstelle entfernt wohne, beschloss ich, dann doch regelmaessig mit dem Bus zu fahren. Es war faszinierend!
Doch davon gleich mehr. Als ich Carlito, meinen Kollegen fragte, wie er es denn gelernt habe, meinte er grinsend: “Tenés que probar!” (Musste halt versuchen!). Tatsaechlich bin ich auch schon des Oefteren mitten auf meiner Reise ausgesprungen (nicht geSTIEGEN!), weil die Busfahrt ploetzlich eine ungewoehnliche Wendung nahm. Einmal hat der Bus sogar 10m nach Einstieg einfach die Fahrtrichtung um 180 Grad gaendert. Da ich nicht als Trottel dastehen wollte, fuhr ich etwa 30 Sekunden ruhig sitzend mit. Danach musste ich dann denselben Weg zur Bushaltestelle noch einmal gehen. Aber ich habs gelassen gesehen. So wie alle anderen auch. Aufregen bringt halt einfach nichts!

Wenn man nun dieses oeffentliche Verkehrsmittel fuer sich zu nutzen gedenkt, folgt man am besten folgendem Schema:

1. An eine Strassenecke stellen und warten. Steht man in der Mitte eines Blocks, kann es durchaus sein, dass der Fahrer diese Art der Sittenlosigkeit mit Vorbeifahren straft.
2. Richtige Linie abwarten. Wenn man weiss, welche wohin faehrt ist der Kampf schon halb gewonnen.
3. Bus kommt -> Arm, Bein oder sonstige Extremitaet ausstrecken um zu signalisieren, dass man mitfahren moechte. Dies sollte moeglichst deutlich und vor allem rechtzeitig geschehen. Fairerweise muss ich sagen, dass die Busfahrer aber eigentlich immer anhalten, wenn sie einen potentiellen Passagier erblicken.
4. Aufspringen! Genau! Im Sinne von: den Arsch hochkriegen. Im Gegensatz zu deutschen Landen halten die Busse hier naemlich nicht an, sondern fahren nur etwas langsamer. Meistens faehrt er auch schon los sobald man in der Tuer ist. Selbst bei Aelteren Leuten haelt er meistens nicht voellig an.
5. Bezahlen. Jede Fahrt, egal wohin, kostet immer denselben Festpreis: 2100 Guaranies. Das sind umgerechnet etwa 30 Cent. Nur wenn man in eine mehrere Kilometer entfernte Stadt faehrt, wird waehrend der Fahrt abgerechnet. Aber selbst nach Buenos Aires oder Rio de Janeiro, was etliche Stunden entfernt liegt, bezahlt man kaum mehr als 35 Euro.
Die Art des Bezahlens ist auch recht interessant. Man sollte das Kleingeld am Besten bereits abzaehlt griffbereit haben, um schnell einen Sitzplatz zu bekommen, ehe der Bus anfaengt gnadenlos zu beschleunigen. Bei Bedarf bekommt man aber auch Wechselgeld, das der Buslenker waehrend der Fahrt gemaechlich aus seiner Kasse hervorkramt. Nach dem Motto “Kohle geht vor”, zaehlt er zunaechst seine Einnahmen, bevor er den Gegenverkehr zur Kenntnis nimmt.
6. Hinsetzen. Mein Lieblingsteil. Bei den meisten Bussen, die ich benutze gibt es immer so ein bescheuertes Drehkreuz, was meines Wissens nach wohl die Passagiere zaehlt. Es ist sehr schmal, im Gegensatz zu mir. Da ich des Uebrigen meistens einen Rucksack bei mir trage, muss ich mich oft quetschen.



So ist der ungefaehre Ablauf. Witzig ist auch immer wieder, in einen oeffentlichen Bus einzusteigen und zu wissen, dass sich so gut wie alle Koepfe nach diesem grossen Typen mit blondem Iro umdrehen, der etwa so paraguayisch ist wie der nordamerikanische SuperBowl. Mittlerweile hab ich mich aber dran gewoehnt und nehms gelassen.
Oft geschieht es auch, dass alle Plaetze belegt sind und man stehen muss. Das macht mir an sich auch gar nichts aus, da ich gerne stehe und man so die Bewegungen des colectivos auch viel besser abfedern kann. Ausserdem gibt es ueberall Haltemoeglichkeiten und durch meine hier ueberdurchschnittliche Groesse bin ich hier vor den diversen Koerpergeruechen etwas sicherer, da meine Nase buchstaeblich ueber den Dingen steht. Einzig stoeren mich, bei Ueberfuelltheit die Probleme des Aussteigens. Anfangs hatte ich keine Ahnung wie die Leute das eigentlich machen. Man stand dicht gedraengt nebeneinander und das Ziel rueckte immer naeher.
Als dann einmal Panik in mir hochstieg, wollte ich mit einem laessigen “permiso” (Verzeihung) aufstehen. Zu meiner Bestuerzung sah ich, dass man fuer mich nicht aus dem Weg ging. Na toll! Ich drueckte mich dann schliesslich durch und wollte, schon halb aufgestanden, nach dem an der Decke angebrachten Haltegriff greifen, als der Bus ploetzlich schneller wurde und ich nach hinten geschleudert wurde. Gluecklicherweise wurde mein schwebendes Hinterteil vom Gesicht einer Frau gebremst, die neben mir sass. Stabilisiert setzte ich also meinen Weg fort. Vorsichtshalber drueckte ich mich dann schnell durch die Menge, um moeglichen Konsequenzen zu entwischen. Ich glaube sie rief mir erzuernt noch etwas hinterher, aber an dieser Stelle war ich zum ersten Mal froh, dass mein Spanisch noch nicht so gut war.
Bemerkenswert sind auch die illustren Gestalten, die in regelmaessigen Abstaenden in die colectivos kommen, um den naiven Passagieren ihr Geld aus den Rippen zu leiern. Meist sind es kleine Kinder mit deutlich dunklerer Hautfarbe als der Durchschnittsparaguayer. Ihr staerker pigmentierter Teint unterscheidet sie von den Mestizen und weist sie als Angehoerige der immer weiter vertriebenen Guaraní-Indianer aus. Sie gehen meist mit kleinen bedruckten Kaertchen umher, die sie verteilen und dann Geld dafuer fordern. Manchmal hatte ich auch das Pech, dass sie anfangen zu singen. Einmal hat sich ein Junge in den leeren Sitz vor mir gekniet und mich dabei angestarrt und in einer mir voellig fremden Sprache gesungen. So schlecht wie er gekraechzt hat, kann ich nur annehmen, dass er einfach eine kostenlose Ueberfahrt erschnorren wollte.
Manchmal sind die Verkaeufer aber auch ganz unterhaltsam und spielen gekonnt Saxophon, Panfloete oder Gitarre. Die sind dann schon eine kleine Spende wert.
Auch kommen immer wieder Verkaeufer mit Getraenken, Kaugummis oder auch Haarspangen herein, die immer wieder auf ein paar willige Kaeufer stossen.
Man haelt den Bus uebrigens an, indem man an einer Schnur an der Decke zieht oder einen Knopf am Ausgang betaetigt. Erst letzte Woche funktionierten diese Mechanismen allerdings einmal nicht. Zum Glueck pfiff jemand laut und der Bus kam zum stehen.
Erzaehlenswert ist auch, dass ich einmal, weil ich vorne sass und hinten so viele Leute dicht gedraengt standen, durch den Einstieg des Busses aussteigen wollte. Dazu musste ich aber vorher ueber das Drehkreuz springen. Ich kam gerade vom Fitnessstudio und war noch richtig aufgepumpt und wollte wieder mal einen coolen Abgang machen. Ich stand also auf, hielt mich an der Halterung ueber mir fest und zog mich hoch. Der Teil klappte gut. Dann schwang ich mich nach vorn und ueberschaetze dummerweise meine Kraft, sodas ich fast fliegend nach vorne geschleudert wurde. Beim Aufkommen trat ich dann glaub ich noch auf den Zeh einer aelteren Dame und hing zudem mit einem Baendel meines Rucksacks am Drehkreuz fest. Als ich dann endlich ganz an der Tuer war, bemerkte ich, dass ich vergessen hatte an der Schnur zu ziehen und kam auch von dort nicht mehr dran. Die Dame hinter mir bat ich lieber nicht um Hilfe. Also musste ich noch warten bis der Wagen endlich anhielt und beschaemt aussteigen. Aber egal, ich werde weiter an meiner Technik feilen und mich zum absoluten Busexperten mausern!


Bis naechste Woche, ihr Knallkoeppe!

Hinterlasst mir mehr Kommentare!! Nicht bloss Lars! ;-)

Saturday, November 7, 2009

3 Monate - kurze Summa Summarum

Hallo liebe Leser,

wie ihr an der Ueberschrift erkennen koennt, sind nunmehr drei Monate vergangen, seitdem ich hier in Paraguay angekommen bin. Viele Dinge sind geschehen, von denen ich nur einige hier aufgezaehlt habe, von denen aber auch noch einige folgen werden.
Um euch nicht zu langweilen, werde ich in aller Kuerze fuenf positive und ebenso viele negative Attribute meines Lebens hier erwaehnen.

Negativ:

1. Das Vermissen der wichtigsten Personen meines Lebens in meiner Heimat (vor allem meinem Schatz Janine!)
2. Kein gescheites Brot!
3. Ungeziefer in der Kueche
4. Intoleranz gegenueber Diaet
5. Hitzewellen

Positiv:

1. Warme Naechte ohne Angst vor Kaelte
2. Eisgekuehlter, erfrischender tereré
3. Meine Arbeit und meine wundervollen und zuvorkommenden Kollegen
4. Die fast allgegenwaertigen Dauertiefpreise.
5. Das Zusammenkommen und der Austausch mit anderen Freiwilligen aus der ganzen Welt



Auf dem Bild tragen Dwayne, ein belgischer Austauschschueler, der mindestens fuenf Sprachen fliessend spricht, und ich eine Besucherin aus Alaska zu ihrem "Thron", gemaess dem Motto: "Asche zu Asche, Muell zu Muell"! Spass... War aber ein lustiger Abend und soll untermalen, wie wichtig solche interkulturellen Begegnungen fuer eine Horizonterweiterung doch sind!

So Leute, dass wars auch schon! Wenn ihr etwas nicht nachvollziehen koennt oder mir zustimmen wollt! Kommentare sind immer willkommen! ;-)

Monday, October 26, 2009

Schrecklichste Party. Ever! Fortsetzung!

Das ging schnell, oder? Haettet ihr die naechste Ausgabe so bald erwartet? Nun ja, ich auch nicht, aber man weiss ja nie, was das Leben so an Ueberraschungen fuer einen parat haelt.
Um damit nahtlos an meinen letzten Post anzuschliessen, moechte ich an dieser Stelle jene positive Ueberraschung auf der fuer mich sonst unterirdisch verlaufenen Party beschreiben.
Gluecklicherweise gab es einen Verwandten, in welcher Beziehung zu meiner Gastfamilie er genau steht weiss ich wie immer nicht, der sich tatsaechlich Muehe gab, mich etwas ins Geschehen mit einzubeziehen. Sonst eigentlich ein Spassvogel schien er als Einziger meine unglueckliche Situation erkannt zu haben und setzte sich neben mich. An den Kindertisch wohlgemerkt. Ausserdem reichte er mir Speisen, die zu weit fuer mich wegstanden und unterhielt sich mit mir. Zwar musste ich mir Fragen wie “Warum willst du denn nicht fuer immer hierbleiben?” oder “In Deutschland gibt es kein Fleisch, oder?” anhoeren, aber das war schon ok, da dadurch wenigstens ein Gespraech in Gang kam.
Lustig, gerade jetzt, waehrend ich dies schreibe, kommt mir erstmals der Gedanke, dass das vielleicht sogar Kalkuel war und er absichtlich derart provokante Fragen gestellt hat. Hm, Blog-Verfassen hat tatsaechlich viele Vorteile.
Wie dem auch sei, natuerlich konnte er nicht die ganze Zeit bei mir sitzen bleiben, da ihn staendig andere Leute ansprachen. Klar, so jemand ist natuerlich beliebt. Nur eine Sache veraergert mich heute noch und laesst mich im Zweifel ueber die wahre Natur bestimmter Personen. Warum? Nun ja, zu fortgeschrittener Stunde, das Essen war bereits konsumiert und dementsprechend hatte ich keine (Alibi-) Beschaeftigung mehr, sass mein Verwandter noch bei mir und wir erzaehlten als ihn ploetzlich jemand zu sich rief: Natuerlich meine erste Gastmutter, auch ihre Eminenz Impertinenz genannt. Da frage ich mich doch wirklich: Hasst mich diese Person und moechte sie mich einfach leiden sehen? Oder ist sie schlicht so ignorant, dass sie meine Situation nicht versteht? Besonders, da sie doch wollte, dass ich mit Leuten Konversation treibe. Das muss ja nicht unbedingt mit den drei stummen Futtersilos sein, oder? Gluecklicherweise blieb mein Gespraechspartner aber noch sitzen, auch nachdem sie ihn mehrmals aufforderte.
Ich war ihm so dankbar und wirklich geruehrt.
An diesem Abend hab ich mir eins geschworen. Falls ich jemals in die Position komme, einen Austauschschueler oder jemand, aus welchen Gruenden auch immer, Isolierten in einer mir vertrauten Gesellschaft zu erkennen, werde ich alles Erdenkliche tun, um dieser Person zumindest ein wenig die Situation zu erleichtern. Niemals will wie meine erste Gastfamilie sein. Und immens ist nun noch mehr mein Respekt vor Personen, die sich den Einsamen erbarmen, obwohl sie eigentlich keine Obligation haben, sich irgendwelche Muehen zu machen.
Ich gebe zu, und das werden mir sicher viele Menschen attestieren, dass ich oft ein egozentrisches Arschloch bin. Jemand, der seine eigenen Prioritaeten vor die anderer stellt. Jemand, der sich nicht um eventuell fuer andere resultierende Konsequenzen kuemmert. Jemand, es schmerzt mich es auszusprechen, aber jemand, wie meine erste Gastfamilie. Zugegeben, diese aggressive Einstellung hat mir oft das beschafft, was ich brauchte oder wollte. Ich zweifle auch nicht im Geringsten daran, dass es genau das ist, was man braucht, um in der heutigen Geschaeftswelt an der Spitze zu bleiben. Aber was ist mit dem privaten Leben? Laesst sich der Charakter einfach so von jetzt auf gleich umstellen, wie ein Radio- oder Fernsehprogramm? Kann man Familie und Freunde so einfach anders behandeln als Personal oder Widersacher?
Meine leibliche Mutter gab mir diesbezueglich einen wunderbaren Ratschlag mit auf den Weg, um zu vermeiden, dass ich ohne ihre herzliche Praesenz noch mehr in Richtung Egomanie abdrifte. Jenen Spruch nahm und nehme ich mir sehr zu Herzen und versuche, ihn meinen Moeglichkeiten entsprechend in die Tat umzusetzen:

“Trainiere nicht nur deinen Verstand und deine Muskeln, sondern auch dein Herz!”

Ich denke, jemand wie ich muss erst selbst lernen wie bitter sein eigenes Gift schmeckt, bevor ihn eine ebenso bittere Medizin davon erloesen kann.
Daher bin ich, auch wenn es bizarr und widerspruechlich klingen mag, in einem kleinen und sehr stummen Teil von mir, den Menschen dankbar, die durch ihr unmoegliches Benehmen mein manchmal ebenso scheussliches Verhalten reflektieren und mir in einem Zerrspiegel spoettisch vor die Nase halten, wie ich wohl auf andere Menschen wirke.
Habt Dank eure Eminenz und hab auch Dank AFS fuer die Ermoeglichung dieser Erfahrungen, denn ihr beide bringt mir auf die harte Tour bei, dass ich nicht das Zentrum und der Omphalos der Welt bin. Und natuerlich Danke an meine Mama fuer ihre wunderbare und aufrichtige Botschaft.

Hier begreife ich wieder einmal, dass es einfach Dinge gibt, die man nicht in Schulen, aus Buechern oder an Unis lernen kann.
Meine Lehrmeister heissen momentan Mutter Natur, Vater Zeit und Tochter Chaos!

Hoffentlich blaeuen sie diesem verwoehnten Balg endlich mal ein paar Manieren ein!


Bis naechste Mal, ihr Wissensdurstigen!

Vergesst nicht meinen Link an Bekannte weiterzuschicken und Kommentare zu hinterlassen. Es wuerde mich echt freuen!

Die schrecklichste Party. Ever!

Liebe Freunde,

Wenn ihr dies hier lest, seid ihr wohl wieder einmal auf meiner Seite, um zu sehen, was es Neues gibt. Zwingende Logik, klar. Aber ich frage mich doch hin und wieder, was genau uns dazu treibt, das zu tun, was wir tun. Geschieht wirklich alles aus gaenzlich freiem Willen? Gibt es so etwas wie freien Willen ueberhaupt? Was hat dich, lieber Leser, beispielsweise heute dazu bewegt diese Seite aufzurufen? Nun, ich koennte mir einige Gruende vorstellen. Du siehst es zum Beispiel als Pflicht an, dir meine neuesten Geschichten anzuhoeren. Das waere fuer mich jedoch ein durchaus suboptimaler Befund, da ich dich keinesfalls an meine Aufschriebe binden moechte. Eine regelmaessige Taetigkeit, die einem durch Zwaenge, seien sie offen oder latent, aufgedraengt wird, ohne, dass man sie schaetzt, wird einem fast immer zu einer verhassten Last. Paradebeispiele: Schule, Job, Ehe.
Doch so muss es nicht sein. Vielleicht hast du gerade auch nichts anderes zu tun und willst mal sehen, was dein alter Bekannter/Freund/Feind Jan so treibt. Mit Genugtuung verfolgst du vielleicht meine schweren Momente, mit Eifersucht begegnest du moeglicherweise meinen Erfolgen. Oder du siehst mich gar als eine Art Lehrmeister, der fuer dich die Steine aus dem Feuer holt, sprich Erfahrungen fuer dich macht, von denen du moeglicherweise aus zweiter Hand profitieren kannst. Im Englischen gibt es hierfuer einen sehr passenden Begriff, der gleichzeitig auch der Name eines “Tool” Songs ist: “Vicarious”. Auch mir war dieser zugegeben rare Begriff nicht bekannt und es brauchte mehrere Romane, in denen das Wort zufaellig passend angewandt war, bis ich ihn wirklich verstand. Er bedeutet, dass man etwas durch einen Mittler erlebt, also etwas durchlebt ohne es in Person selbst erlebt zu haben. Ich benutze jetzt mal den genialen Einsatz Raymond Khourys in seinem Bestseller “The Last Templar”, in dem der gealterte und lange verheiratete Polizist X sein Sexleben dadurch “vicariously” aufrecht erhaelt, indem ihm sein noch lediger und juengerer Kollege stets von dessen wilden Abenteuern berichtet. Von ganzem Herzen wuensche ich mir, dass ich euch auch so ein Mittelsman sein kann. Wenn auch auf anderem Terrain als besagter Detective. Selbst wenn viele von euch nur meine Bilder ansehen, so hoffe ich doch, dass ich ein paar von euch informativ und kreativ bereichern kann.
Wie dem auch sei und was deine Intentionen auch sein moegen, lieber Leser, herzlich willkommen auf meiner Seite. Geniess deine Zeit hier und lass mir einen Kommentar da!
Los gehts!
Diesmal habe ich mir vorgenommen etwas weniger zu schreiben und dafuer oefter zu posten. Mal sehen, ob das auch so hinhaut.
Berichten moechte ich euch heute von einem eher tristen Ereignis, einer Familienfeier. Zunaechst stellen wir uns noch einmal die Frage, warum es solche festlichen Gelage ueberhaupt gibt? Richtig: um froehlich beisammen zu sein.
Manch einer mag sich jetzt denken: “Ja und was hast du jetzt schon wieder daran auszusetzen, du verklemmter Misanthrop mit chronischem Stock-im-…(ihr wisst schon) !? Sag doch einfach, auf was du hinauswillst!!”
Also, geneigter Leser, ich moechte nur noch einmal klarstellen, was dieser Begriff eigentlich beschreibt. Fuer mich war es, gelinde gesagt, das absolute Gegenteil.
Es fing eigentlich ganz gut an. Meine zwei Gastschwestern, meine Gastmutter und ich fuhren gegen 8 abends los zu einem der wenigen exklusiven Sportclubs hier in Asunción. Dieses bisschen Luxus tat mir nach einer harten Arbeitswoche ganz gut, wobei ich nicht wie manche von mir verhassten Schnoesel klingen moechte und verkuende, dass ich mir dies “auch redlich verdient” haette. Dennoch wars anfangs ganz nett. Wir hatten einen Tisch in einem der integrierten Restaurants reserviert. Bald sah ich allerdings mit pessimistischen Blick, dass der Tisch laenger war als die Tennisplaetze ausserhalb. Das hiess wieder einen Haufen Leute kennen lernen, dumm grinsen bis zur Gesichtsspastik, Haende schuetteln, aufstehen und sich wieder setzen, hundert mal nachfragen, weil man das genuschelte Spanisch wieder nicht verstanden hat etc. Ihr koennts euch denken. Des Weiteren muss man sich etliche Namen merken, nur um sie gleich danach wieder zu vergessen und die Person dann doch wieder mit “Pablo” oder “Maria” anzusprechen. Dazu kommt kommt dann immer noch meine Lieblingsfrage: “¿De cual parte de Alemania sos? (“Aus welchem Teil Deutschlands stammst du?”) Enervierend daran ist naemlich, dass die meisten Deutschland nicht mal auf der Weltkarte finden wuerden, geschweige denn Staedtenamen kennen. Aber gut, dass ist eigentlich nicht weiter schlimm und passiert mir, wenn auch weniger intensiv, fast taeglich. Zu meiner negativen Stimmung beigetragen haben hauptsaechlich folgende Dinge:
1. Meine vorherige Gastfamilie war leider natuerlich auch eingeladen. Wie ich vielleicht schon angedeutet hatte, war die Freude nicht auf meiner Seite. Eher die Motive “Ekel und Abscheu”, die mich unweigerlich an “Homo Faber” erinnern. (An dieser Stelle sei mein Parallelkurs Deutsch bei Herrn Rose gegruesst.)Besonders meine erste Gastmutter hat ihrem Ruf als “Eminenz Impertinenz” wieder alle Ehre gemacht.
2.Meine Gastschwestern, einzige Nicht-“alte Leute” am Tisch waren die ganze Zeit unauffindbar verschwunden.
3.Ich musste am Kindertisch sitzen. Haha, lustig, ich weiss. Fand ich aber nicht. Ich hatte wunderbar an einer Ecke gesessen und mit zwei netten Verwandten geplaudert als es hiess ich soll an den Kindertisch. Wer mir das befohlen hat? Jedenfalls nicht meine jetztige Gastmutter, die als einziges Mitglied des Clubs alle eingeladen hat. Sie hatte mir sogar gesagt, ich koenne sitzen bleiben. Nein, es war ihre Schwester, ihre “Eminenz”. Mann, war ich angepisst und bins heute noch, wenn ich dran denke. Es war einfach ein runder kleiner Abstelltisch, der nur wie ein Wurmfortsatz am eigentlichen Tisch angebracht war. Cool war auch, dass ich ganz alleine da sitzen durfte. Ach ja, man meinte es ja so gut mit mir! Erste Gastmutter hat mich noch schoen wohlwollend angelaechelt. Das Schlimme daran ist, dass sie vermutlich noch denkt, sie tut mir einen Gefallen, damit ich mir nicht mit andern Leuten die Zeit vertreiben muss, sondern alleine weit weg hocke. Klar, deswegen bekommen manche Straftaeter auch Einzelhaft, weil sie sich so gut benommen haben. Schliess mich ruhig aus. Oh und nein danke, du brauchst mir keine Kruemel aufzuheben. Ich hab ja schon meinen tollen Sitzplatz, da brauchst du mich nicht noch maesten, sonst wird mein Arsch noch so fett wie deiner und ich muss im Bus zwei Sitze bezahlen.
Apropos fett, ganz allein war ich dann doch nicht. Nach etwa einer Stunde Solositzen kamen dann noch drei juengere Verwandte hinzu, die zusammen wohl das Gewicht eines Kleinwagens aufbringen duerften. Nach bedrohlichem Knarzen liessen sie sich dann auf den, anscheinend titaniumverstaerkten, Stuehlen nieder, um sich dann gleich ueber saemtliche zuckerhaltigen Getraenke in greifbarer Naehe herzumachen. Sie wurden mir namentlich kurz vorgestellt, ignorierten mich dann aber gleich wieder. So hab ichs gern. Dadurch wurde mir meine Einsamkeit nur noch mehr bewusst. Ich stellte dann zwar ab und zu immer mal wieder ein paar Fragen, jedoch verlief jedes Gespraech recht schnell im Sande. Daher wandte ich mich meinem Handy zu und spielte ein integriertes Minispiel, was mich auch recht gut unterhielt. Kurze Zeit spaeter merkte ich allerdings, dass man sich weiter oben, am “Erwachsenentisch” oder von mir auch liebevoll Arthritis-Gilde genannt, besorgt ueber mich unterhielt. “Was macht er denn?” – “Ach, er spielt mit seinem Handy. Hm, er spricht ja gar nicht mit [Pablo , Paco, Maria – was weiss ich?!]” – “Was ist nur los mit ihm”.
Als ich dann aufsah, brach ihre Eminenz schnell das Gespraech ab bzw. wechselte bewusst in das mir unverstaendliche Guaraní. Ratte! Dann kam wieder mit einem zuckersuessen Laecheln der Aufruf, ich solle mit “Dick, Dumm und Duemmer” doch ins Gespraech kommen. Gut, dass das jeder am Tisch hoeren konnte und sich prompt umdrehte und mich neugierig musterte. Manche Leute beschreiben mich als kontrolliert, sogar kuehl bei Zeiten, aber selbst mir ist sowas natuerlich extrem unangenehm. Versteht ihr, vielleicht jetzt, warum ich mich einfach nicht wohl gefuehlt habe? Des Weiteren hatte ich niemanden zum Reden waehrend die meisten anderen einen Riesenspass hatten. Gott, ich hab mich so ausgeschlossen gefuehlt und das war und ist wirklich hart. Mit Grauen sehe ich den kommenden “Familienfeiern” entgegen. Dabei bin ich noch gar nicht so lange hier. Wobei ich sagen muss, dass mich eine kleine Sache, neben dem zugegeben vorzueglichen Essen, doch etwas aufgemuntert hat.

Doch davon mehr naechstes Mal, liebe Freunde.

Saturday, October 10, 2009

Schnauze voll!

So Leute,

kurzes Update! Heut wollt ich grad raus ausm Haus auf die Arbeit (wie fast immer, erst um 12 Uhr mittags), als ich das Lustigste seit langem sah:

Unser kleiner Hund, Yankee, eine Mischung aus Pudel und ... naja keine Ahnung, vielleicht Ratte (?) ist im Moment staendig spitz. Unsere Schaeferhuendin, Pepi, ist ungefaehr 4 mal so gross und im Moment wahrscheinlich auch laeufig. Wie Weibchen halt manchmal so sind, ne?! Auf jeden Fall wollte ich grade gehen, als ich sah, dass Pepi ein Bein von Yankee fast komplett im Maul hatte. Eine kurze Schrecksekunde war ich als bekennender Pazifist geradezu schockiert. Dann fiel es mir aber wie Schuppen von den Haaren:

DER KLEINE RAMMELTE MIT GANZER KRAFT AUF DEN KOPF DER HILFLOSEN SCHAEFERHUENDIN EIN!

Auch als diese aufstand und sich schuettelte, konnte sie den Triebtaeter fuer Arme nicht loswerden. Schliesslich kam dann eine der Hausangestellten zur Hilfe, aber da war es schon zu spaet: Pepi hatte jetzt echt die Schnauze voll!

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