Saturday, July 17, 2010

III. Der Odyssee Dritter Teil - Wendepunkt

Wer allzeit bei dem Ofen sitzt, Grillen und die Hölzlein spitzt
und fremde Lande nicht beschaut, der ist ein Aff in seiner Haut.

Altdeutsches Sprichwort

Der dritte Teil beginnt. Meine Reise nimmt ihren Lauf und die Dinge kommen ins Rollen. Allerdings ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Daher dient dieser Teil meines Dramas als Peripetie, auch Handlungsumschlag genannt, in der das scheinbar Berechenbare ungeahnte Wendungen nimmt.
Die schoen zurechtgelegte Idealwelt kommt in Kontakt mit der brutalen Realitaet, ein Konflikt entsteht und versetzt dem nichtsahnenden Protagonisten, in diesem Falle leider mir, unwillkuerlich einen harten Tritt in die Nuesse.

Wieso, fragt ihr euch?

Drehen wir das Rad der Zeit noch einmal kurz zurueck. Was ist bisher geschehen?

Um meine Freundin wiederzusehen, machte ich mich auf den langen Weg in die Vereinigten Staaten, um sie dort bei meinen frueheren Gasteltern zu treffen. Am Tag der Abreise packte ich schnell meine Koffer, wurde zum Bus-Terminal gebracht und erwartete dort mein Transportmittel. Aber wieso gerade ein Omnibus?

Zunaechst stellte sich mir die Frage, wie man denn nun am besten und vor allem am billigsten von Paraguay bis zu den Suedstaaten der USA kommt.

Meine erste Idee in Anbetracht der hohen Flugpreise war das Verwenden mehrerer gekoppelter Busreisen bis hoch nach Mexiko. Dieser Einfall erschien mir anfaenglich aeussert brilliant, da ich nebenbei auch noch fast alle lateinamerikanischen Laender durchqueren koennte und mir diese mal kurz zu Gemuete fuehren wuerde. Dann wurde mir allerdings schnell der Nachteil des Ganzen bewusst: Ich wuerde saemtliche lateinamerikanischen Laender durchqueren muessen. Ein kurzer Check auf der Landkarte verriet mir die Distanz:

ca. 7650km Luftlinie. (Anmerkung: Von Oslo, Norwegen, bis nach Rom in Italien sind es "nur" 2000km)

Ah ja, dann vielleicht doch nicht.

Dann wollte ich ein Boot nehmen und hochschippern. Leider gibts da ausser Kreuzfahrten nicht viel im Angebot. Da Paraguay auch ein Binnenland ist, waren Schiffsreisen sowieso nicht der gaengige modus operandi . Blieb wohl also doch nur die alte Stahlkraehe.

Dann begann eine lange Kopfgeldjagd nach dem billigsten Flug. Ich musste einfach etwas finden, auch wenn ich den Flug auf der Bordtoilette wuerde verbringen muessen.

Es war klar, dass ein Flug von Asunción ausgehend ausser Frage stand, da eine Busfahrt in einen der naechstgelegenen internationaelen Flughaefen die Gesamtkosten drastisch reduzieren wuerde. In Frage kamen Rio de Janeiro und São Paulo in Brasilien sowie Buenos Aires in Argentinien. Rio liegt pralle 25 Stunden Busreise von Asunción entfernt, die beiden anderen Metropolen um die 20. Ein Hin- und Rueckfahrticket ist mit je ca. 40-50 Euro allerdings ueberaus preiswert.

Dann gings zum Tarif-Check der einzelnen Airlines.

$1300 fuer einen Flug Baires/Rio - Miami + Retour? Sah glatt so aus, als wuerde ich nach São Paulo gehen.





Nachdem das Busticket gekauft war und die Koffer gepackt, wartete ich schliesslich am Terminal als meine Doppeldecker-Kutsche mit lediglich 10-minuetiger Verspaetung eintraf. Bei derart geringem Abweichen merkte man gleich, dass der Anbieter kein Paraguayo sein konnte.
Nachdem mein Gepaeck verstaut war, setzte ich mich in den reservierten Sitz im oberen Geschoss und legte mir neben meinem Lunchpaket zusaetzlich mein Buch zurecht. Meine Wahl fiel auf "World Without End", oder auch "Die endlose Welt" von Ken Follett, den ueber 1200 Seiten starken Nachfolger des Klassikers "Die Saeulen der Erde".

Seite 1 - Waehrend ein paar Kinder im englischen Mittelalter auf verhaengnisvolle Entdeckungstour gehen, liegt bei mir im Bus alles schoen dort, wo es sein sollte. Ich lehne mich entspannt zurueck und freue mich auf eine gemuetliche Reise, die ich wahrscheinlich hauptsaechlich verschlafen kann. Auf Entdeckungstour gehe ich ja aber eigentlich auch, so wie die Romanfiguren im gebundenen Meisterwerk, das mir von meinem Schoss entgegenstarrt.

Doch da tauchte schon die erste Stoerung auf. Ein Mann mittleren Alters sass auf der gegenueberliegenden Seite rechts von mir im Bus. Ausser uns beiden waren im gesamten Bus vielleicht nur noch acht andere Personen. Sehr wenig, wenn ich das mit dem ueberfuellten Trip nach Buenos Aires im vergangenem Januar vergleiche. Dennoch sorgte besagter Señor fuer einen Geraeuschpegel, der einer Schulklasse Konkurrenz gemacht haette. Wenn er nicht am Schnarchen oder Schnaeuzen war, beschaeftigte er sich die naechsten Stunden lautstark damit, irgendetwas Hoellisches aus dem Abgrund seiner Kehle hervorzuholen. Absolut widerlich und auch sehr stoerend. Hier ist so ein Verhalten aber durchaus keine Seltenheit. Knigge war ja schliesslich auch kein Suedamerikaner. Mit etwas Dosenmusik aus meinem MP3-Player konnte ich der Kakophonie allerdings zeitweise entfliehen.

Seite 160 - Waehrend eine junge, als Sklavin verkaufte und entflohene Bauerstochter ihren Haeschern versucht zu entkommen, kamen wir, nach knapp vier Stunden ereignisloser Fahrt - der Stoerenfried war gluecklicherweise mittlerweile ausgestiegen - in Ciudad del Este an. Auch wir rannten davon wie die fiktive Englaenderin. Allerdings jagte uns nur ein enger Zeitplan und Anschlussfluege und keine blutruenstigen Gesetzlosen. Apropos, die Stadt liegt an der brasilianischen und argentinischen Grenze und ist Insidern zufolge deshalb eine zentrale Schaltstellte fuer Schmuggler und Terroristen in ganz Suedamerika. Hier musste aus irgendeinem Grund der Bus von innen gesaeubert werden, was ueber eine Stunde in Anspruch nahm. Ich persoenlich gebe dem Typen mit den Manieren de gua'u* die Schuld fuer jede erdenkliche Verschmutzung. Wer kann es sonst gewesen sein? Gut, 90% der Restbevoelkerung kaeme durchaus auch in Frage.
Das Verharren dort in der "Stadt des Ostens" war mir allerdings gar nicht geheuer, da ich schon viele Warnungen ueber die hohen Kriminalitaetsraten gehoert hatte, die mir am Terminal herumlungernden, zwielichtigen Gestalten nur bestaetigten.

Entsprechend froh war ich, als es dann endlich weiterging.

Waehrend ich die atemberaubende "Puente Internacional de la Amistad", oder schlicht die Freundschaftsbruecke, im Sonnenuntergang erblickte, die den Fluss Paraná ueberspannt und Brasilien und Paraguay wie ein binationaler Handschlag vereint, fuehlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder wie ein Abenteurer, ein Pionier, der voellig neue Welten erforscht. Die Aufregung loeste einen spontanen Adrenalinschub aus und die Aussicht auf die Entdeckung eines, naemlich meines(!) Schatzes, liess mein Herz schneller schlagen.

Die Euphorie wurde aber schnell wieder gedaempft, als ich mit meinem ersten Drachen zu kaempfen hatte, der mir sicherlich auch in unspektakulaereren Landstrichen haette begegnen koennen:

Buerokratie.

An der Grenze musste ich meinen Pass vorzeigen und beweisen, dass ich keine terroristischen Absichten hegte. Das war mein erster Kontakt mit Brasilianern, seitdem ich Portugiesischstunden nehme. Damals hatte ich allerdings gerade erst ein paar Wochen Unterricht, was meine Sprachexpertise doch stark begrenzte.

Dann wurde es auch schon bald dunkel. Schnell schickte ich noch eine SMS an meine Gasteltern, dass bisher alles gut gelaufen war. Prompt kam die, sinngemaesse, Anwort, "Dir auch viel Glueck, du wirst es brauchen."


Seite 210 - Nach der Lektuere ueber den Kollaps der Stadtbruecke in Kingsbridge und den anschliessenden Rettungaktionen wurde mir dann im Bus sogar ein kleines Abendessen serviert, das mir in Kombination mit meinen Vorraeten auch kurzfristig den Hunger nehmen konnte. Auch war ich froh, dass sich die Brueckenbaukunst ueber die Jahrhunderte verbessert hatte.

Danach wurde ich auch langsam schlaefrig und schlief, mit meinem Ersatz-T-Shirt als Kissen, langsam zum Rhythmus der weiten Strassen Brasiliens ein.

Am naechsten Morgen wurde ich gegen 6 Uhr unsanft von den Klaengen paraguayischer Volksmusik geweckt, die ueberall aus den Lautsprechern droehnte und mit dem Bordfernsehen optisch untermalt wurde. Was wuerde ich froh sein, endlich diesem Laerm entkommen zu koennen.
Vieles habe ich in diesem Jahr gelernt, zu einem gewissen Grad zu tolerieren: Dummheit, Ignoranz, schlechte Manieren und brennende, erbarmunglose, von Mosquitos verseuchte Hitze. Aber an die traditionelle Musik werde ich mich wahrscheinlich nie gewoehnen koennen. Denn jene ist, meiner Ansicht nach, die schlimmste Art von Geraeusch auf diesem Planeten, die nicht spezifisch als Krach intendiert ist.
Nach kurzer Hohlraumversieglung, also Stoepsel in die Ohren, war das Problem aber schon geloest.

Fruehstueck gabs keins.

Diese Hundesoehne! Zum Glueck hatte ich noch ein wenig Proviant uebrig. Zum Lesen war ich aber etwas zu aufgeregt, da wir schon in der Peripherie des "Heiligen Paulus" angekommen waren. Mit einer Ausdehnung von knapp 8000 Quadratkilometern und einer Metropolregionsbevoelkerung von satten 20 Millionen eher eine der groesseren Staedte dieser Welt ist São Paulo allerdings auch unvorstellbar gross, unuebersichtlich und vor allem schmutzig. Obwohl ich Armut seit Paraguay durchaus gewohnt bin, versetzte mir der Anblick einiger favelas, oder Armenghettos, doch einen Schock, da Tausende von winzigen Behausungen ueber ganze Huegelketten an- und aufeinander gepresst werden. Es gab auch so gut wie keine Gruenflaechen zu sehen, wobei ich natuerlich auch nur einen winzigen Bruchteil passierte.

Mir wurde gesagt, eine komplette Stadtdurchquerung koenne mit einem Auto durchaus einen halben Tag oder mehr in Anspruch nehmen.
Als wir zwei Stunden spaeter immer noch nicht am dortigen Busbahnhof angekommen waren, zweifelte ich diese Behauptung auch nicht laenger an. Um 8:30 erreichten wir schliesslich nach mehr als 21-stuendiger Fahrt "O Terminal Tiete".

Dies war auch der Moment, den ich an der ganzen Reise am meisten gefuerchtet hatte. Ich wuerde irgendwie einen Weg von hier zum Flughafen finden muessen. Ich hatte noch keine Ahnung, wie ich das anstellen wuerde, da das Internet nicht grossartig weitergeholfen hatte. Die Sprachbarriere machte mir zusaetzlich etwas Angst. Denn mit Spanisch und selbst Englisch kommt man hier selten weit. Mein Portugiesisch steckte noch in den Kinderschuhen.
Doch auch eine ganz andere Tatsache liess mir keine Ruhe. Naemlich, dass der Busbahnhof generell einer der gefaehrlichsten Orte jeder Grossstadt ist, da es hier fuer Raeuber, Diebe und sonstige Gesetzesbrecher die vielversprechendsten und meist auch die hilflosesten Opfer gibt.

Wuerde ich das Naechste sein?



Ploetzlich ein Stop. Der Bus hielt zum letzten Mal die Raeder an. Und ich, beunruhigt, nur den Atem...


(Fortsetzung folgt)




*"de gua'u" ist Yopará/Guarañol, also ein Mix aus Spanisch und Guaraní, fuer "fake/nicht authentisch/pseudo-"

Monday, July 12, 2010

II. Der Odyssee Zweiter Teil - Verwicklung

Auch eine Reise von tausend Meilen fängt mit dem ersten Schritt an.

Zu fortgeschrittener Stunde, aber durchaus schnell im Anschluss ans Praeludium, kommt nun der zweite Teil, die Verwicklung, meiner kleinen Serie.

Schon einige Zeit vor Beginn der Reise fing ich an, die Tage und schliesslich die Stunden bis zum Startschuss ungeduldig zu erwarten. Ich war innerlich sehr aufgewuehlt. Nicht nur wegen der Freude, meine Freundin Janine wiederzusehen, sondern auch, weil es das erste Mal seit etwa 8 Monaten sein wuerde, dass ich den lateinamerikanischen Kulturkreis verlassen wuerde. Das mag, gerade fuer geuebte Touristen, banal klingen. Ist es aber in keinster Weise. Denn anders als der gemeine Tui-Juenger, wachsen Austauschschueler und Freiwillige ueber einen laengeren Zeitraum mit Hilfe ihrer Gastfamilien, Freunde und Arbeit bzw. Schule eng mit ihrer Umgebung zusammen. Auch, wenn der Immigrant nicht immer von seinem Gastland begeistert ist - es geschieht frueher oder spaeter einfach.

Zunaechst zweifelte ich lange, ob ich denn nun wirklich in die USA gehen sollte. Schliesslich wuerde ein Kulturschock nicht zu vermeiden sein. In Anbetracht der krassen Diskrepanz in den wirtschaftlichen Entwicklungsstadien Paraguays (obwohl viele Haushalte bereits Strom haben) und der USA (satte 4 Billionen Tonnen an jaehrlicher Neumuellproduktion, Tendenz steigend), wuerde dieser kurzfristige Tapetenwechsel sicherlich nicht spurlos an mir vorueber gehen.
Doch zu gross war der Wunsch, mit meiner besseren Haelfte mal wieder ohne Kruecken, sprich Technologie, kommunizieren zu koennen.
Ausserdem wuerde es sicher auch ein kleines Abenteuer werden.

Als der Tag X dann endlich Wirklichkeit wurde, hatte ich es noch immer nicht richtig registriert und packte nur mechanisch meinen Koffer, sagte allen noch einmal abwesend Lebewohl und setzte mich mit meinem Gastpapa ins Auto, der mich trotz eines dringenden Meetings noch zum Bus Terminal brachte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, den Bus zu nehmen. Mit Koffer und prallgefuelltem Rucksack allerdings eher ein Vergnuegen fuer Kenner. Gemacht hab ichs aber trotzdem schon mal, naemlich als mich meine zerebral benachteiligte, zweite Gastfamilie einfach genau dies tun liess, obwohl ich bei europaeischem Zeitplan damals meinen Bus nach Buenos Aires verpasst haette.

Eine traurige Verabschiedung entfiel gluecklicherweise, da Jorge, mein Para-Dad*, schnell weiter musste. Schockierenderweise hatte ich ueber eine Stunde auf meinen Bus zu warten, was mir aber genuegend Zeit liess, noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen, die ich vorher nicht bedacht hatte; wie z.B. Essen und Trinken fuer den Trip zu besorgen oder Geld umzutauschen. Die Welt spricht schliesslich Visa und kein Guaraní**.
Ausserdem hatte ich noch ein ueppiges Guthaben auf meinem Handy (knapp 3 Euro, was bei mir locker fuer zwei Wochen reicht), das aber bei meiner Ankunft schon verfallen sein wuerde. Daher nahm ich an, dass ein erneutes Aufladen wohl die Gueltigkeitsdauer des gesamten saldos verlaengern muesste. Da ich aber schon auf einer Bank sass, mein Essen nett um mich herum aufgetischt hatte und somit die komplette Sitzgelegenheit blockierte, war ich eher abgeneigt, noch einmal extra aufzustehen. Stattdessen rief ich geistesgegenwaertig meinen Kollegen Carlos an und bat um eine kleine Zuwendung monetaerer Natur, worauf er mir dann prompt etwas per SMS ueberwies. Ja, das geht hier. Das ganze kuriose Mobilfunksystem waere eigentlich mal einen eigenen Artikel wert.

Nach beendetem Snacken, kam dann auch schon mein Bus und es ging wirklich los. Die Verwicklung hatte begonnen und war nun nicht mehr aufzuhalten. Jetzt gab es kein Zurueck mehr...

(Fortsetzung folgt)


*(Achtung, Wortspiel: "para" (altgriech.) --> "neben", "im Vergleich mit"; siehe "Paramilitaer", "paranormal" etc. + Para-guay. Also mein PARAguayischer NEBENvater ^^)

**(und noch ein Wortwitz. Nicht nur ist Guaraní die zweite Amtssprache Paraguays, sondern auch die lokale Waehrung. Daher funktioniert diese Doppeldeutigkeit, in Anlehnung an den bekannten Visa-Slogan, hier bei der eigentlich nur auf Geld bezogenen Aussage "Die Welt spricht kein Guaraní".")

Friday, July 9, 2010

I.ii "Odyssee" - Präludium

Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen!
Johann Wolfgang von Goethe (1746-1832)


In vielen Sprachen ist der Begriff „Odyssee“ zu einem Synonym für lange Irrfahrten geworden. Eine Reise, die alle Kraefte raubt und oft auch in Verzweiflung, Resignation und Demut endet, fuer den, der tollkuehn genug ist, sich ihr auszuliefern.

Was kann einen Menschen dazu bringen, eine solche Last auf sich zu nehmen? Einen grossen Teil seines Vermoegens und auch seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, nur um ein weit entferntes, scheinbar utopisches Ziel zu erreichen?

Die Emotionen, die ein jeder von uns besitzt sind stark. Viel staerker als wir oft vermuten, als wir hoffen und manchmal auch als wir befuerchten.

Hass kann Familien zerstoeren. Mitleid kann Leben retten. Liebe kann Menschen veraendern.
Gefuehle sind es, die oft mehr als alles andere unseren Alltag und unsere Lebensplanung bestimmen. Mehr als der Verstand, mehr als Vorschriften und Gesetze, mehr als blosse physikalische Schranken.

Sie sind es auch, die Menschen dazu treiben, Aussergewoehnliches zu leisten, Grenzen zu sprengen und das Unwahrscheinliche, das Unglaubliche, Realitaet werden zu lassen.

Sie sind der Treibstoff fuer Irrfahrten. Angefangen bei Odysseus, der ihnen den Namen gab, ueber Pioniere wie Ferdinand Magellan bis hin zu heutigen Idolen wie Lance Armstrong und Nelson Mandela. Trotz scheinbar unueberwindbarer Hindernisse gaben sie nicht auf und wuchsen ueber sich hinaus und schrieben Geschichte.

Nach demselben Prinzip, wenn auch mit ungleich geringerer Bedeutung fuer die Menschheit, trieb es mich heraus aus meinem sicheren kleinen Haus hier in Paraguay, um einen inneren Schmerz zu ueberwinden, der mich bereits seit vielen Monaten seelisch quaelte und misshandelte: Sehnsucht!

______________


Jedem Freiwilligen, der im Rahmen des Anderen Diensts im Ausland (ADiA) einen Entwicklungsdienst leistet, stehen 26 Urlaubstage zu. Entsprechend hatte ich mir ueberlegt, mein Kontingent moeglichst auf einmal zu nutzen, um mein Reiseerlebnis moeglichst intensiv werden zu lassen.

Den Grund fuer meine Reise habe ich allerdings bisher ebensowenig erklaert wie das Reiseziel. Er ist simpel und dennoch von aller groesster Bedeutung.

All dies geschah, weil ich meine Freundin wiedersehen wollte! :-)

Sie war neben meiner Familie das Wichtigste, was ich fuer ein Jahr in Deutschland zuruecklassen musste. Doch das haette ich kaum fuer einen Zwoelfmonat ausgehalten. Daher stand fuer uns schon von Anfang an fest, irgendwie zu versuchen, sich in der Zwischenzeit zu treffen. Und sei es nur fuer ein paar Wochen.

Wir einigten uns schliesslich auf die USA, da wir beide das Land sehr moegen und ich dort auch Familie habe, bei der wir unterkommen konnten. Da wir allerdings zunaechst alles genauestens planen wollten, verschob sich die Reise bis auf Ostern.

Nach langen, tri-kontinentalen Absprachen war dann endlich die Reiseroute festgesetzt und es konnte losgehen.

Ich war erleichtert, nervoes. Aber dennoch vollkommen davon ueberzeugt, dass die Reise vor lauter Aufregung schnell und einfach von statten gehen wuerde und ich bald in den Vereinigten Staaten ankommen sollte, um meinen Schatz endlich wieder in die Arme schliessen zu koennen.


Ich hatte ja keine Ahnung...

(Fortsetzung folgt)

Thursday, July 8, 2010

I.i "Odyssee" - Ein Drama in 5 Akten

Liebe Leser,

ich habe nun ein kleines Experiment von literarisch-avantgardistischer Natur mit euch vor. Das heisst, ich werde etwas voellig Neues in meinem Blog versuchen, das es bisher so noch nie gegeben hat.
Mein Vorhaben ist es, ein fuer mich sehr bedeutendes Erlebnis niederzuschreiben. Aber nicht einfach in herkoemmlicher Prosa, sondern in Form eines Dramas. Wobei es eher ein Hybrid wird, also ein Bastard, da ich verschiedene Elemente aus beiden literarischen Gattungen miteinander zu verschmelzen gedenke. Vielleicht werde ich auch noch etwas Lyrik mit in den Hexenkessel werfen.

Allerdings wird das Ganze ein anarchisches Opus werden. Denn keineswegs werde ich mich an strikte Formen halten oder herkoemmliche Konventionen beachten. Dies ist kein Deutschaufsatz. Es ist nichts weniger als eine Kriegserklaerung an journalistische Normen und Regelungen, ein rebellisches Manifest sozusagen, das den bequemlichen Palast der literarischen Traegheit zum Einsturz zu bringen gedenkt. Ein Schlag ins Gesicht an alle Konformisten der deutschen Sprachkultur!

Es gab schon des Oefteren Werke dieser Art, die keinen Halt vor scheinbaren Grenzen machten und dabei mitunter Aussergewoehnliches erreichten. Das wohl Grossartigste von allen ist Goethes Faust, das zweifelsfrei zu den brilliantesten Schriftstuecken der Menschheitsgeschichte zaehlt, die je ersonnen wurden.
Und ich wage es, diese Krone deutscher Schreibkunst in einem Atemzug mit meinem eigenen Geschreibsel zu nennen?

Auf jeden Fall. Denn was waere ein besserer Leitfaden und Lehrmeister? Gerade diese Verknuepfung, die ich hier und jetzt zum ersten Mal in meinem Leben starte, inspiriert mich unglaublich. Das fuehrt dann letztendlich auch dazu, dass ihr, liebe Leser, einen etwas weniger langweiligen Text vor euch habt, wenn ich zu hoffen wagen darf.

Grosse Worte, fuerwahr. Doch was genau soll dahinter stecken?

Da ich schon immer ein Freund des Theaters und der Antike war, kam es mir in den Sinn ein klassisches Dramenmodell eines griechischen Theaterstuecks als Grundlage fuer mein Vorhaben zu waehlen.
Ohne weit ausschweifen zu wollen, werde ich die Fuenfteilung nach G. Freytag kurz erlaeutern, an der ich mich grob orientieren werde.

Das Drama besteht aus:

1. Exposition (Einleitung)
2. Verwicklung
3. Peripetie (Komplikation)
4. Retardierendes Moment (Herauszoegerung des Hoehepunkts)
5. Dénouement (Loesung)

Es soll fern von mir liegen, jetzt naeher auf die einzelnen Punkte einzugehen. Jedem Akt werde ich seine ganz besondere Aufmerksamkeit widmen, wenn es soweit ist.


Jetzt nur einmal kurz zur Exposition. Dies ist der Teil, in dem die grundlegenden W-Fragen, also Wer-Wann-Was-Wo-Warum, beantwortet werden. Ich habe sie inkorrekterweise "Praeludium" getauft, was eigentlich ein eroeffnendes Musikstueck ist. Ich fand den Name einfach cooler und 90% aller Leser haetten es wahrscheinlich sowieso entweder nicht gewusst oder bemerkt, mich eingeschlossen. Damit beginnt auch schon die Rebellion...


In diesem Sinne,

viel Spass bei diesem Experiment. Ich weiss ebenso wenig wie ihr, was uns im Laufe dieses Dramas erwarten wird.
Ob Tragoedie oder Komoedie steht ebenfalls noch offen. ;-)


alles Gute, euer Jan

Sunday, June 27, 2010

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Liebes Publikum,

da nun die obligatorische Entschuldigung ob der grossen Verzoegerung bereits zu meinem Markenzeichen geworden zu sein scheint, fuege ich zu dieser hiermit noch eine kleine Erlaeuterung hinzu: Ich hatte einfach keine Musse zu schreiben. Viele Schreiberlinge wuerden behaupten, ihnen habe die Inspiration oder die Zeit gefehlt. Bei mir nicht. Ich hatte von beidem reichlich. Ich war einfach nicht in der Stimmung zu schreiben und bin einfach mal gegen meinen eigenen Erwartungsstrom geschwommen.

Da ich nun nicht mehr allzu lange unter den Paraguayern zu verweilen gedenke, halte ich es nun fuer angebracht, mal wieder etwas von mir hoeren zu lassen. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf...

In den letzten Wochen habe ich angefangen, die Kriminalitaet und persoenliche Sicherheit in einem etwas anderem Licht zu sehen, besonders meine eigene Sicherheit. Es ist schon recht interessant, wenn man sich gegen Ende des Aufenthalts noch einmal rueckblickend vor Augen haelt wie ungeschickt und ignorant man doch zu Beginn des Auslandsjahres in Bezug auf manche Lebensbereiche noch gewesen ist.
Wie oft bin ich schon lange nach Einbruch der Dunkelheit alleine in fremden Gefilden umhergeirrt, manchmal sogar unter Einfluss bestimmter kurzkettiger Kohlenhydrate. Scheinbar hatte ich, zumindest bisher, aber immer einen Schutzengel, der mich vor allem Boesen bewahrt hat (sollte ich mal ohne Geld in den Taschen nach Hause gekommen sein, so war dies durchaus niemand anderem zuzuschieben).

Nach und nach habe ich aber immer wieder von kleineren oder groesseren Verbrechen in meiner unmittelbaren Umwelt gehoert. Sei es, dass die Putzfrau bei einem Freund zu gruendlich aufgeraeumt hatte oder dass eine Bekannte den Bus zwar mit Handy bestieg, aber ohne wieder verliess.
Dies alles habe ich zwar unbewusst gespeichert, hat bei mir aber sonst keine groessere Beunruigung hinterlassen. Meist sage ich mir einfach, dass die betroffenen Leute halt einfach zu unvorsichtig oder einfach hoffnungslos naiv sind. Da ein solches Unglueck aber jedem geschehen kann, versuche ich mir immer wieder klarzumachen, dass mich auch die groesste Vorsicht und das wachsamste Holzauge nicht voellig vor einem asalto, also einem Ueberfall, schuetzen koennen. In Anbetracht dessen kann ich mich wirklich sehr gluecklich schaetzen, bisher verschont geblieben zu sein.

Da ich ja aus einem sehr kleinen Doerfchen in Deutschland komme und auch in meinem USA-Auslandsjahr in einer ueberaus sicheren Gegend gewohnt habe, ist diese Zeit hier tatsaechlich eine voellig neue Erfahrung gewesen. Selbst die Superreichen koennen sich hier nicht ausserhalb ihres Hauses vor dem Verbrechen verstecken. Ich will damit nicht behaupten, dass an jeder Strassenecke ein Delinquent lauert, sondern moechte vielmehr darauf aufmerksam machen, dass Selbstschutz hier eine andere, ungleich hoehere Bedeutung hat als beispielsweise in deutschen Kleinstaedten.
Diese Behauptung moechte ich aber nicht nur einfach mal in den Raum werfen, sondern auch an ein paar persoenlichen Erfahrungen genauer auslegen.

Zunaechst noch einmal kurz zu den allgemeinen taetlichen Uebergriffen: Es wurde bisher kein auslaendischer Freiwilliger oder Austauschschueler ernstlich verletzt oder gar getoetet. Ich lehne mich sogar soweit aus dem Fenster und sage, dass dies zumindest mit AFS hier in Paraguay noch niemals bisher vorgekommen ist. Je nach Definition muss man vielleicht meinen Mitfreiwilligen Nic als Ausnahme sehen, dem eines Abends an einer eigentlich belebten Strasse beim kurzen Austreten eins mit einer Pistole ueber den Schaedel gebraten wurde und dann auch seine Wertgegenstaende aushaendigen musste, wie er uns erzaehlte.

Was ich nun berichte, gebe ich als Drittperson wieder. Fuer die Exaktheit aller Aussagen kann ich daher nicht garantieren. Ich habe allerdings versucht, mich auf die, meiner Ansicht nach, relevanten Fakten zu reduzieren.

Vor etwa drei Wochen holte eine unserer Angestellten nachmittags meinen kleinen Bruder von der Schule ab. Etwa 200m von unserem Haus entfernt wurden sie von einem unvermummten jungen Mann mit einer Pistole bedroht und gezwungen Handy und Geld sofort herauszugeben. Waehrend sie tat wie ihr gehiessen, blieb mein 10-jaehriges Bruederchen, vor Schock voellig eingefroren, neben ihr stehen. Was dieses Schreckenserlebnis in seiner jungen Psyche angerichtet hat, wage ich mir kaum auszumalen. Es ist wirklich eine Schande, dass solche Dinge ueberhaupt ungestraft hier moeglich sind, wo sich die Taeter noch nicht einmal um ein motorisiertes Fluchtmittel oder eine Skimaske bemuehen muessen. Die Polizei ist meist machtlos dagegen, da ineffizient, unterbesetzt und haeufig auch korrupt. Dieses Erlebnis hat mir klargemacht, dass ich meine Kinder niemals einer derartigen Umgebung aussetzen moechte, seien die meisten Leute hier auch noch so gutherzig.

Als ich etwa eine halbe Stunde spaeter nach Hause kam und mir die Geschichte bruehwarm erzaehlt wurde, konnte ich das Ganze kaum fassen. Eigentlich wollte ich an jenem Tag noch ins Fitnessstudio laufen, verkniff mir das dann aber doch. So sehr wollte ich das Schicksal dann doch nicht herausfordern, falls der oder wahrscheinlich sogar die Taeter noch in der Naehe sein sollten.

Der andere Gesetzesbruch ereignete sich erst gestern Vormittag und war so subtil, dass er von mir gar nicht erst wahrgenommen worden waere, haette es mir mein Gastvater nicht heute noch einmal erzaehlt. Es ereignete sich wie folgt: Meine Gastfamilie war ausser Haus und nur eine Angestellte war ausser mir noch daheim. Da meine Person die Nacht zuvor mit ein paar Freunden in der Stadt verbracht hatte, die naechste Woche zum Teil schon nach Hause fliegen, war ich noch im Tiefschlaf und bekam nichts weiter mit.
Gegen 11 Uhr klingelte es wohl an der Tuer und ein Mann stand draussen und gab an, er komme im Auftrag meiner Gastmutter, die ihn angeblich gebeten habe, eine Kette abzuholen. Tatsaechlich war meine Gastmutter fuer ein paar Tage auf einer Fortbildung. Um seine Legitimitaet zu beweisen, bat er die scheinbar zoegernde Haushilfe um die Handynummer der Señora, um sie nochmals anzurufen und die Uebergabe zu bestaetigen. Nach der Nennung der Durchwahl rief er an und meine Gastmutter erhielt auch tatsaechlich einen Anruf. Nur wurde dieser direkt nach der Verbindungsherstellung wieder beendet, sodass die Angerufene ein Verwaehlen vermutete. Kurioserweise hielt der vermeintliche Bote aber das Gespraech, das er nun eigenhaendig zum Monolog gemacht hatte, aufrecht, um die noch skeptische Zuhoererin zu taeuschen. Nachdem er mit gespieltem Lachen und eingeuebtem Text lautstark eine scheinbare Zustimmung seitens der Hausherrin fingierte, oeffnete unsere Haushaelterin schliesslich das Tor und danach sogar die Tuere, um einen voellig Fremden in das unbewachte Haus einzulassen. Man haette mir wahrscheinlich mein gesamtes Zimmer ausraeumen koennen und ich es nicht einmal bemerkt. Einen derartigen Party-induzierten Stupor werde ich in der naeheren Zukunft wohl besser vermeiden. Der Unbekannte nahm allerdings nur die Kette von der empleada an und verschwand dann wieder. Auf Nimmerwiedersehen. Als meine Gasteltern dann davon erfuhren, kamen sie direkt nach Hause gefahren. Denn bei meiner Gastmutter war keinerlei Kette angekommen. Sie hatte auch niemanden beauftragt, jene bringen zu lassen. Als Naechstes wurde dann Anzeige erstattet.

Ziemlich klarer Fall, oder?

So wuerde man zunaechst denken. Doch kriminelle Energien sind oft listiger als man denkt und man begegnet ihnen in vielerlei Gestalt. Auch in der einer kleinen, scheinbar wehrlosen Hausangestellten.

...Moment mal..wie bitte?

Das war meine spontane Reaktion, als mir mein Gastvater erzaehlte, er habe unsere Servicekraft noch am selben Tag gefeuert. Ich persoenlich haette das Aushaendigen des Schmucksstuecks einfach als Dummheit und Naivitaet einer typischen Angehoerigen der paraguayischen jungen Unterschicht gedeutet. Meine Gasteltern, weiser und wohl auch reicher in schmerzlichen Erfahrungen, kamen aber zu einem anderen Urteil.
Unser Haushalt hat naemlich ein Betriebshandy, das von den Angestellten immer genutzt wird, um meine Gasteltern oder bestimmte Dienstleister schnell und kostenlos zu erreichen. Meine padres anfitriónes weisen auch immer wieder nachdruecklich darauf hin, alle Unklarheiten zunaechst mit ihnen zu besprechen, bevor irgendwelchen Leuten Tor und Tuer geoeffnet wird. Daher scheint es etwas merkwuerdig, dass die Haushaelterin in diesem Fall nicht, wie sonst immer, das Handy benutzt hat, um sich selbst von der Authentizitaet des Anliegens bei ihrer Arbeitgeberin zu vergewissern, anstatt einfach deren Privatnummer an einen Fremden weiterzugeben. Auch ist es seltsamerweise aeusserst gut getimed gewesen, da die sonst fast staendig anwesende zweite Hausangestellte zufaellig gerade im nahe gelegenen Supermarkt einkaufen war. Entsprechend ist verstaendlich, dass die Beweislage recht erdrueckend ist und nicht viel Raum fuer Spekulationen laesst.


Natuerlich koennte man den Fall auch aus einem anderen Winkel betrachten: Der Taeter hatte unser Haus und die Routinen jeder einzelnen Person vorher genau studiert und dann in einem moeglichst opportunen Moment zugeschlagen, da er die juengere der Angestellten fuer das einfachste Opfer hielt. Die unbedachte Entscheidung, den Fremden hereinzulassen, koennte sie jetzt harscherweise den Job gekostet haben.
Diese Interpretation macht mir allerdings etwas Angst, da somit auch ich und meine taeglichen Ablaeufe von einem oder mehreren Verbrechern haetten observiert werden koennen oder vielleicht immer noch ausspioniert werden. Wollen wir aber hoffen, dass meine hier ausgebildete Sicherheitsparanoia etwas ueber das Ziel hinausschiesst. Ich gehe aber auch eher nicht davon aus, da der Taeter ja wusste, dass meine Gastmutter nicht in der Stadt war und eine derartige Information nicht ohne substantielle Beschattung erhalten worden sein kann, deren Kosten ein Kettchen sicher nicht rechtfertigen wuerde. Viel wahrscheinlicher ist die Anwesenheit eines Maulwurfs innerhalb der Familie, sprich, die nun Entlassene, die mit dem Dieb zusammenarbeitete, um etwas von der Beute abzubekommen.

Ausserdem war ich ja auch in Gefahr, falls sich dieser Fremde am Hausrat zu schaffen gemacht haette und ich irgendwie unangenehm dazwischen gekommen waere. Was waere dann passiert? Haette er mich versucht zu betaeuben und dann gefesselt? Oder angeschossen? Oder waere er erschrocken gefluechtet? Schwer zu sagen, aber zum Glueck war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, in welcher Gefahr ich da eigentlich schwebte.

Da mich meine Menschenkenntnis eigentlich selten taeuscht und mir unsere Angestellte auch nie verbrecherisch oder gar verschlagen vorkam, gehe ich davon aus, dass sie wohl durch bestimmte Lebensumstaende wie Schulden oder dergleichen dazu getrieben worden sein muss.

Doch all dies sind Spekulationen, die wahrscheinlich auch genau das bleiben werden. Interessant ist jedoch, dass in einem benachbarten Haushalt ein aehnliches Verbrechen begangen wurde, sogar mit der selben Handynummer des Fake-Anrufers, mit dem Unterschied, dass die empleada dort nicht mitgespielt hatte.

Wie dem auch sei, selbst die andere Angestellte war dagegen, die der Mittaeterschaft Beschuldigte weiter zu beschaeftigen, da Erstere sonst nicht bereit sei, weiterhin in unserem Haushalt zu bleiben. Das fand ich aber dann doch etwas charakterlos und egoistisch von ihr, da sich die beiden nun schon einige Monate kennen und zusammen wohnen, arbeiten und sich alles erzaehlen. Wegen einer einzigen, vielleicht sogar verschuldbaren Tat, gleich ein derartiges metaphorisches Messer in den Ruecken einer der vertrautesten Menschen zu rammen, fand ich dann, in Anbetracht eines abhanden gekommenen Stueck Metalls, dann doch etwas ungerechtfertigt und wird auch kuenftig nicht von mir vergessen werden.

Die Entscheidung meiner Gasteltern, gerade auch im Hinblick auf die Sicherheit ihrer kleinen Soehne, kann ich allerdings bestens nachvollziehen. Mein Gastvater hat es gut auf den Punkt gebracht, als er mir sein persoenliches Urteil verkuendete: "lesión irreparable de confianza " - irreparabler Vertrauensbruch

...und davon kann einen kein Richter und keine Jury der Welt wieder freisprechen.

Tuesday, May 11, 2010

Muttertag in Paraguay (Día de la Madre en el Paraguay)

Um mich mal wieder kurz zu Wort zu melden, moechte ich euch gerne vom meinem hiesigen Muttertagserlebnis erzaehlen.

Das Interessante dabei ist, dass, anders als im grossen Rest der Welt, der Muttertag hier nicht am 8., sondern am 14. Mai gefeiert wird. Dies ist nicht etwa ein Anflug von paraguayischer Eigensinnigkeit, um sich vom Rest der Welt abzusetzen, sondern schlicht historisch bedingt.

So wie viele Laender Suedamerikas frueher formal zu Spanien gehoerten und dann ihre transatlantische Nabelschnur durch politische Reifung kappten, so sagte sich auch Paraguay von der einst riesigen Kolonialmacht am Mittelmeer los.

Am 14. Mai 1811 war es dann soweit: El Paraguay wurde unabhaengig und ehrt dieses denkwuerdige Datum seither jaehrlich durch den "Día de la Patria - la Madre de la gente" (Tag des Vaterlands; der Mutter des Volkes).

Diese Uebersetzung klingt etwas ungewoehnlich, gar gegensaetzlich. Jedoch sollte man einfach die kulturellen und sprachlichen Unterschiede zur Kenntnis nehmen und sich nicht weiter den Kopf ueber Grammatik zerbrechen. Denn sowohl Vater als auch Mutter sorgen fuer ihr Kind. Die Tatsache, dass in diesem erzkatholischen Land auch die Mutter Gottes eine grosse Rolle spielt, tut ein Uebriges, dem Tag seine grosse Bedeutung zu verleihen.

Gefeiert wird allerdings am 15. Entsprechend war fuer gestern eine kleine Feier auf unserer Terrasse angesetzt. Das Wetter spielte leider nicht so ganz mit und folglich mussten wir etwas naeher an die Hauswand ruecken. Mittlerweile wird es tatsaechlich recht kuehl hier in Asunción. Es war schon lange nicht mehr heiss und nur ab und an ist es jetzt noch warm. Da wir uns hier auf der Suedhalbkugel befinden, haben wir ja nun Herbst, der sich langsam aber sicher in den Winter verwandelt. Dennoch ist das noch lange kein Grund den Nerzmantel auszupacken. Laut meinem Gastpapa liegt der aktuelle paraguayische Temperatur-Negativ-Rekord bei gerade mal -7 Grad; vor einigen Jahren gemessen in der "Stadt des Suedens", Encarnación.
Frost, klirrende Kaelte oder gar Schnee sind den meisten Paraguayern tatsaechlich nur aus den Medien oder von Erzaehlungen bekannt. Es hat mich damals wirklich geschockt, als mir mein Chef Carlos erzaehlte, er habe mit seinen 26 Jahren noch nie Schnee oder das Meer gesehen. Inzwischen hat er allerdings Zentral-Chile besucht, wo beide Naturphaenomene quasi unausweichlich sind.

Doch zurueck zur Familienfeier. Anders als in meinen vorherigen Familien, in denen ich immer wieder bemerken musste, dass Antipathie erblich zu sein scheint, erlebe ich hier das positive Gegenteil und fuehle mich wunderbar aufgehoben und akzeptiert.

Es gab dann ein asado, das mein Onkel muetterlicherseits anheizte und spaeter auch meisterlich servierte. Das Wort asado kommt vom spanischen Verb asar (braten, grillen) und ist im Prinzip wie ein standard Grillevent im deutschen Hochsommer. Es wird auf einer parrilla (Bratrost) gebrutzelt bis es aussen leicht knusprig, innen aber noch zartrosa ist. Das Fleisch, das hier verwendet wird, ist sehr hochwertig und kommt groesstenteils aus dem Chaco, dem noerdlichen, duennbesiedelten Teil Paraguays, der von Mennoniten wirtschaftsfaehig gemacht wurde. Ein sehr interessantes Fleckchen Erde ueber das ihr sicher deutlich mehr wuesstet, wenn ich meine beiden Besuche dorthin bereits niedergeschrieben haette. Ganz ruhig, kommt noch!

Wie gesagt, es ist wahrlich immer wieder eine Freude, sich den Genuessen des paraguayischen Rinds hinzugeben. Auch die Namensliste fuer die verschiedenen Teile von Rind- und Schweinefleisch ist bemerkenswert. Waehrend ich in Deutschland schon nach Kotelette, Filet und Rippchen so ziemlich mit meinem Fleischerlatein am Ende bin, stosse ich doch ernstlich an meine Grenzen, wenn ich gefragt werde, ob ich nun costillas, matambre, chorizo vom Braford oder doch lieber tapa cuadril vom Ratford Rind probieren moechte. Nachdem ich dann nahezu alles verkostet habe, mein Gastvater mich dann aber darauf hinweist, die besten Stuecke verpasst zu haben, kommen mir doch jedes Mal wieder die Traenen. Wie dem auch sei, ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert und beglueckwuensche mich, kein Vegetarier sein zu muessen.

Nebenbei bemerkt, stelle ich es mir aber tatsaechlich recht schwer vor, als Fleischveraechter oder gar Veganer in dieses Land zu kommen. Waehrend besser gestellte Familien sicherlich keine groesseren Probleme damit haetten, so gehe ich schwer davon aus, dass einem das Gros der Bevoelkerung mit Unverstaendnis, ja vielleicht sogar Argwohn begegnen wuerde. Schliesslich ist der Verzehr von gekochtem Fleisch ein integrativer Teil dieser Kultur. Nicht nur gilt das Fleisch hier als besonders rein (nicht, dass das Geld fuer ausgedehnte Hormonkuren ueberhaupt da waere!) und schmackhaft, vielmehr ist das Familienessen auch tief in die Kultur mit eingewoben. Wenn nun ein Auslaender mit seinen seltsamen Extrawuenschen kommt, kann dies sicherlich zu Konflikten fuehren, je nachdem, wer da aufeinanderprallt.
Weiterhin lehnt man damit ja auch offen einen Teil des Gastlandes ab. Doch auch spielt die Art der Familie, in die man gesteckt wird, eine wichtige Rolle.
Waehrend meine ersten beiden Familien sicher nicht die Beweggruende eines Vegetariers haetten nachvollziehen koennen oder wollen, so waere mein jetziger Haushalt sicherlich tolerant und verstaendnisvoll genug, um die Lebensweise eines "Andersessenden" zu begreifen. Mein Gastvater macht im Moment sogar eine Atkins-Diaet, die von manchen sogar in Europa als neumodischer Firlefanz betrachtet wird. Ueber deren Wirksamkeit moechte ich mich hier allerdings nicht weiter befassen, da dieser Artikel sonst niemals enden wuerde.

Ein weiteres wichtiges Utensil der Kueche Paraguays ist neben der parrilla der sogenannte tatakua (lies "tataquá"). Dieses Wort kommt, wie sich manche sicherlich schon denken koennen, aus der Eingeborenensprache Guaraní und bedeutet Feuerloch (tata = Feuer; kua = Loch). Dieser Name ist auch recht passend, da es sich hierbei um einen primitiven Ofen handelt, der schon seit langer Zeit als Kochstelle dient und auch heute noch vor allem in laendlichen Regionen Verwendung findet.
Das Prinzip dabei ist einfach wie effektiv: Man baut eine hohle Halbkugel aus Backsteinen (ladrillos), die mit einem Ton-Zement Gemisch zusammengehalten werden. Wie man hoert verwenden besonders faehige Baumeister zusaetzlich noch Asche und miel de caña (Zuckerrohrhonig), auch miel negra (schwarzer Honig) genannt. Bei Letzterem handelt es sich um die noch unfiltrierte Melasse, die ein Zwischenprodukt bei der Zuckergewinnung darstellt. Asche und miel sorgen dafuer, dass der tatakua eine gewisse Elastizitaet beibehaelt und bei hohen Druck- und Temperaturschwankungen keine Risse bildet.
Im Inneren wird dann ein Feuer entzuendet, das den Oeko-Ofen stetig aufheizt. Sobald die gewuenschte Temperatur erreicht ist, wird ein Teil der Glut und Asche mit einem Schaber entfernt und durch das zu kochende Gericht ersetzt.

Tatakua - der traditionelle Backofen Paraguays

Drei Gerichte werden ganz besonders gerne und haeufig auf diese Weise zubereitet:

1. Sopa Paraguaya (Paraguayische Suppe) - Anders als der Name vielleicht vermuten laesst, handelt es sich hierbei nicht etwa um einen Eintopf oder gar eine fluessige Bruehe, sondern vielmehr um eine Art herzhaften Kuchen aus Eiern, Mehl, Zwiebeln, Milch und Gewuerzen. Nicht zuletzt bruesten sich die Paraguayer immer wieder damit, im einzigen Land zu leben, in dem die Suppe fest sei. Wenn gut gemacht, ist die sopa eine meiner absoluten Lieblingsspeisen, auch wenn sie recht schwer und etwas fettig ist. Schlecht zubereitet ist sie aber kaum geniessbar.

2. Chipa (Guasu) - Chipas sind donut- bis adventskranzgrosse Ringe aus einem Kaese-Mehl-Milch Mix. Sie werden ueberall auf der Strasse oder an Imbissen zum Verkauf angeboten. Mir persoenlich schmecken sie extrem gut und ich werde versuchen ein Rezept mit nach Deutschland zu nehmen und jemanden finden, der sie mir dann auch backt. Am besten schmecken sie ofenwarm. Weniger Spass macht das Geniessen am naechsten Tag, da sie dann hart und broecklig sind.
Chipa Guasu (guasu, Guaraní fuer "gross") hingegen ist eine andere Speise, die ausser dem Namen wenig mit regulaeren chipas gemein hat. Es ist die Bezeichnung fuer eine Art Maiskuchen, der vor allem mit Milch gemacht wird. Optisch ist sie auch leicht mit der sopa zu verwechseln. Nur geschmacklich merkt man schnell den Unterschied. Chipa guasu ist irgendwie ueberhaupt nicht lecker. Anders als die sopa, deren Qualitaet vom Koch abhaengt, kann man das guasu Rezept meiner Ansicht nach kaum retten. Das Beste ist es, ein Geschmack ueberdeckendes Getraenk parat zu haben. Anfangs dachte ich sogar, sopa und chipa guasu seien identisch, nur dass manche sopa-Stuecke einfach nicht so gut gelungen oder schon verranzt seien. Den Irrtum habe ich inzwischen aber erkannt.

3. Maniok (spanisch "mandioca/yuca"; Guaraní "mandi'o") - Die Knolle des Cassavestrauchs, die ungekocht toedliche Blausaeure enthaelt, ist ein wichtiger Bestandteil der hiesigen Speisekarte. Sie wird entweder wie Kartoffeln gekocht oder im Ofen knusprig gebacken als Pommes serviert. Im Geschmack kann man sie auch eindeutig mit der heimischen "Krumbeer" vergleichen, wobei immer wieder zaehe kleine Fasern auftauchen, die man zuvor entfernen sollte.


Von unserer kleinen gastronomischen Rundreise kommen wir nun wieder zurueck zu unserer Familienrunde. Es war, wie bereits erwaehnt, eine nette Versammlung mit viel Essen. Als ich mich gerade vollgestopft zu einem Samstagnachmittagsschlaefchen begeben wollte, wurde mein Blutkreislauf allerdings ploetzlich von einem Adrenalinstoss angefeuert.
Es wurden mehrere Kuchen hervorgeholt, auf denen jeweils Kerzen standen. Des Weiteren sang man auf einmal "Cumpleaños Feliz" (Happy Birthday) und liess meine Gastmama die Kerzen ausblasen. "NIE IM LEBEN! Hat die heut Geburtstag?", ueberlegte ich erschrocken. Ich hatte ihr ja nicht einmal gratuliert. Super peinlich! Gluecklicherweise hatte ich noch mein Facebook offen und rannte unbemerkt schnell hoch an den PC und suchte das Profil meiner Gastmama, das ich ihr gluecklicherweise vor einiger Zeit eingerichtet hatte. Facebook ist bei solchen Dingen wirklich ueberaus hilfreich. Ich sah naemlich, dass sie erst im Oktober Geburtstag hat. Entspannt und laechelnd ging ich dann die Treppe hinunter und machte wieder einen auf den laessigen Typ, der ich bin und liess mir Nachtisch geben. Spaeter erfuhr ich, dass den Muettern wohl zur Feier des Tages ein Lied gesungen wird.

Spaeter am Abend, als alle Gaeste schon gegangen waren, gab ich meiner Gastmutter dann noch ein kleines Geschenk mit einem Briefchen. Sie freute sich sehr und man sah ihr an, dass sie nicht damit gerechnet hatte. Der schoene Moment wurde dann aber von meinem kleinsten Gastbruder unterbrochen, der laut wuergend an uns vorbeirannte, um sich dann auf der Toilette das Festessen nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Er hatte wohl zuviel morcilla, Blutwurst, gegessen.

Tuesday, May 4, 2010

Ein ganz besonderes Schicksal!

So liebe Blogophile,

"Es hat lange gedauert." Das scheint wohl zum Standardspruch auf dieser Seite zu werden. Aber ich moechte euch daran erinnern, dass ebenso wie ein Obstbaum, der nicht staendig Fruechte tragen kann oder ein junger Rotwein, der Zeit zum Ausbau und zur Entwicklung seines einzigartigen, koestlichen Charakters braucht, auch ich erst muehsam meine Stories sammeln und gegebenenfalls verfeinern muss. Es gibt immer viel zu erzaehlen. Aber um sicher zu gehen, dass ihr mit keinem langweiligen Durchschnittsmuell angeoedet werdet wie sonst fast ueberall in den Medien, sortiere ich erst einmal alles sorgfaeltig durch und praesentiere euch dann ausschliesslich die Auslese.

In diesem Sinne, nehme ich eure Entschuldigung fuer die Ungeduld schon einmal vorab an und sage: "Keine Ursache! Ihr konntet es ja nicht wissen."

Also, waehrend ich eigentlich vorhatte noch etwas gemuetlich bis zum naechsten Wochenende "zu sortieren", ist gestern doch etwas Ungewoehnliches und hoechst Bemerkenswertes geschehen, dessen Report absolut keinen weiteren Aufschub duldet.
Um nicht allzu viele Fragen im Nachhinein beantworten zu muessen, die die Erzaehlung meines Erlebnisses eventuell aufwerfen koennte, gebe ich noch einmal ein kurzes Status-Update meiner Freizeitaktivitaeten.

Seit Maerz habe ich angefangen einen Portugiesischkurs zu belegen. Ich hatte mir gedacht, dass es hier wohl so sein wuerde wie ein standard VHS-Sprachkurs in Deutschland, also etwa 2-4h pro Woche. Leider gab es dieses Angebot in keinem naheliegenden Sprachinstitut. Das einzige erhaeltliche Sprachpaket war: "Português - Super Intensivo".
Das heisst im Klartext fuenf mal pro Woche je 2 Stunden Unterricht! Das war etwas mehr Service als ich eigentlich in Anspruch nehmen wollte, aber hey, wenn ich schon mal da bin und es im Monat umgerechnet gerade mal knapp 30 Euro kostet, dann bin ich doch direkt am Start.

Der Gruende, warum ich Portugiesisch angefangen habe, sind vieler. Im Prinzip wollte ich damals eigentlich nur meine Mitfreiwillige Steffi davon ueberzeugen, sich die Chance nicht entgehen zu lassen. Also fing ich an, ihr eine lange und stichhaltige Argumentation vorzutragen. Ich konnte zwar nicht sie, aber immerhin mich selbst von der Idee komplett ueberzeugen. Ich kam mir schon immer recht ueberzeugend vor, aber damit haette selbst ich, in meiner ueblichen Ueberheblichkeit, nicht gerechnet.

An dieser Stelle kann ich auch nur jedem dazu raten, eine (weitere) Fremdsprache zu lernen. Mit jeder neuen Sprache kann man die Welt aus einem voellig neuen Blickwinkel betrachten und Dinge sehen und verstehen, die einem zuvor verschlossen waren. Mir wird das immer wieder bewusst, wenn ich interessante Gespraeche mit Leuten fuehre, die ich noch vor einem Jahr nicht haette verstehen koennen. Sprache ist etwas Wunderbares und hat fuer mich immer schon etwas Magisches an sich gehabt.
Doch genug der Sprachphilosophie und zurueck zu meinem Update.

Wir lesen derzeit im Kurs unser erstes Buch im brasilianisch-portugiesischen Originaltext. Einer der Gruende, der mich dazu verleitete diese Fertigkeit zu erlernen, war und ist, weil ich in der Lage sein wollte, die Buecher eines bestimmten Mannes ohne verfaelschende Uebersetzung lesen zu koennen. Er ist Brasilianer und Polyglott, also ein Mann, der mehrere Sprachen perfekt beherrscht. Ein ehemaliger Jura-Student und bekennender Ex-Junkie. Ein sehr erfolgreicher Globetrotter und Mitglied eines alten spanischen Ordens. Er hat tausenden Menschen Inspiration gebracht. Man sagt sogar, seine Erzaehlungen koennten Depressionen heilen sowie neuen Mut und Hoffnung geben.

Wer ist dieser Mann?

Sein deutscher Name waere Paul Hase. Die Rede ist von Paulo Coelho, einem meiner absoluten Lieblingsautoren.

In der ersten Unterrichtsstunde im Maerz war ich etwas frueher da als der Rest. Da fragte mich meine Lehrerin, Marta de Bueno, warum ich mich denn dazu entschlossen haette, ihren Kurs zu besuchen. Aus all den Gruenden, die mir so im Kopf herumschwirrten, platzte mir einfach ein "weil ich Coelho verstehen und lesen moechte" heraus.
Schon als ich das letzte Wort gesprochen hatte, kam ich mir unglaublich bloed vor. Ich komme in ihren Kurs und rede von irgendeinem Autor, von dem ich nicht einmal weiss, ob sie je von ihm gehoert, gar etwas gelesen hat. Und falls Ja, was wuerde sie ueberhaupt von ihm halten? Und warum sollte ich dann nicht einfach eine deutsche Uebersetzung lesen?
Ich erwartete ein verwirrtes "Wer!?" oder einen Vortrag ueber den wahren Nutzen und der Geschichte der portugiesischen Sprache. Stattdessen, jedoch, laechelte sie mich nur verstaendnisvoll an und nickte mit dem Kopf. So, als ob sie einst genau dasselbe hatte tun wollen. Dann sagte sie zu mir in ihrer Muttersprache, die mir auf einmal ueberraschend verstaendlich war:

"Coehlo! Ja, ich kenne ihn. Er ist ein guter Freund von mir."


Ich starrte sie ein paar Sekunden unglaeubig an, aber dann erzaehlte sie mir die Geschichte, wie sie ihn wohl kennen gelernt hatte. Dazu reichte mein Verstaendnis leider nicht mehr ganz aus, da sie, wie zuvor, in einer mir fremden und dem Spanischen nur begrenzt aehnlichen Sprache redete. Jetzt war ich es, der einfach mit dem Kopf nickte. Aber das war mir egal. Irgendwie fuehlte ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, den Kurs zu belegen.

Dieses Gefuehl hat mich bisher nicht betrogen. Auch nach zwei Monaten bin ich immer noch hellauf begeistert und finde die schwungvoll-zackige Zunge Brasiliens mittlerweile schoener als Spanisch. Ich habe vor, sie in Deutschland auf jeden Fall weiterzulernen.

Doch dies war nur mein eigenes spezielles Erlebnis mit Coelho und seiner Sprache. Das, was ich euch nun erzaehlen werde, ist bei weitem ungewoehnlicher und, zumindest aus meiner Sicht, Inspiration und Lebensbejahung pur.
Dazu muesst ihr wissen, dass wir gerade den "Alchimisten" lesen, oder "O Alquimista" im Original; Coelhos zweites Werk. Ich hatte es mir vor einigen Jahren schon einmal zu Gemuete gefuehrt, aber vieles leider wieder vergessen. Daher war ich sehr positiv ueberrascht als unsere Lehrerin diese erste Pflichtlektuere bekanntgab.

Es handelt kurzgesagt vom jungen Hirtenjungen Santiago, der seine Familie und geliebte Schafherde in Andalusien verlaesst, um einen Schatz in Nordafrika zu suchen, der ihm mehrmals im Traum erscheint und ihn fortan nicht mehr loslaesst. Auf seiner Reise begegnen ihm viele wunderbare Dinge, die ihm zeigen wie grossartig und unberechenbar das Leben auf dieser Welt sein kann.
Ich moechte nichts vorwegnehmen, aber insgesamt ist das Buch eine Ansammlung von tiefgruendigen Lebensweisheiten, die in eine interessante Handlung eingewoben werden. Immer wieder muss man kurz innehalten und begreift, voellig verdutzt, wie sehr doch die Schlussfolgerungen, die der junge Spanier zieht, auch auf das eigene Leben und den eigenen Alltag zutreffen.
Ich, fuer meinen Teil, konnte kaum glauben, dass mir diese Dinge nicht schon viel frueher aufgefallen waren. Es ist defintiv ein Buch, das ich wieder und wieder lesen koennte. Muesste ich ins Exil auf eine einsame Insel und haette nur Platz fuer ein einziges Schriftstueck, dann wuesste ich jetzt schon, welches es sein wuerde.

Original Buch-Cover

"Der Alchimist" bei Amazon


Dann geschah es gestern in der zweiten Haelfte des Kurses.

Wie jeden Tag mussten wir wieder nach vorne kommen und auf Portugiesisch in eigenen Worten einen vorbereiteten Teil des "Alchimisten" nacherzaehlen. Waehrend ein Maedchen bei der Wiedergabe gerade eine Sprechpause einlegte, meinte einer unserer Mitschueler laut toenend: "Ne, mir hat dieses komische Buch ueberhaupt nicht gefallen."
Etwas geschockt, aber auch mit einer Spur von Mitleid fuer ihn, wartete ich, wie wohl die Reaktion der Lehrerin ausfallen wuerde. Sie sah ihn nur ernst an und meinte: "Wen interessierts, obs dir gefaellt?! Du sollst hier Portugiesisch lernen und keine Buchkritik schreiben."

Als wir dann alle vorgetragen hatten und sie uns gerade entlassen wollte, erhob sie noch einmal ihre Stimme und sah uns dabei allen nacheinander in die Augen, blieb mit ihrem Blick aber schliesslich auf dem Jungen liegen, der zuvor lautstark seine Kritik abgegeben hatte.
Sie sagte: "Mein Sohn, bevor du vorschnell ueber dieses Buch urteilst, moechte ich dir sagen, dass ich diese Lektuere bereits seit Jahren immer wieder erfolgreich fuer meine Schueler verwende. Viele hat sie bisher begeistert, ergriffen und nie wieder losgelassen. Und ich kann dir eines sagen: Dieses Buch hat bereits Leben veraendert!"

Mit erwartungsvollen Mienen blickten wir sie alle an und nach einer kurzen Kunstpause fing sie an, die Geschichte eines ehemaligen Schuelers wiederzugeben, der einst auch "O Alquimista" bei ihr gelesen hatte.

Sie begann langsam und klar zu erzaehlen. Ihr Blick schweifte dabei verschwommen in die Ferne, so als ob sie mit ihren Gedanken und Gefuehlen woanders war und nur noch ihre aeussere Huelle und heissere Raucherstimme im Raum bei uns liess:

Vor einigen Jahren kam ein Junge aus recht armen Verhaeltnissen zu ihr in den Super Intensivo Kurs. Er arbeitete bis spaet nachts, um genug Geld zu verdienen, um sich den Kurs leisten zu koennen, der fuer hiesige Verhaeltnisse zugegebenermassen nicht gerade guenstig ist. Er wohnte zu der Zeit in einem heruntergekommenen Viertel, das wohl "El Cocodrilo" (das Krokodil) hiess. Dort lebte er mit seiner unterdrueckenden Mutter und einer Schwester in armen Verhaeltnissen ohne grosse Aussicht auf sozialen Aufstieg.
Nachdem er die Lektuere dann daheim beendet hatten, rief der Schueler eines Freitagabends bei Frau De Bueno aufgeregt, aber selbstbewusst an und teilte ihr mit, dass er sich entschlossen habe, in die USA zu gehen, dort ein neues Leben zu beginnen und alles dafuer tun wolle, dorthin zu kommen. Als sie ihn daraufhin fragte, wie er sein Vorhaben denn zu finanzieren gedenke, antwortete er nur: "Ich weiss es noch nicht, Profe, aber ich werde es schaffen. Ich will es von ganzem Herzen!" Unsere Lehrerin schlug ihm vor, sich fuer ein Stipendium nach Brasilien zu bewerben und sich von dort aus weiter durchzuschlagen.
Er arbeitete in den folgenden Wochen sehr hart und war auch auf bestem Wege ein Stipendium zu bekommen. (Marta erzaehlte uns, dass alle Stipendien, die halbjaehrlich von der brasilianischen Botschaft vergeben werden, fast ausschliesslich von ihren Schuelern besetzt werden!).

Dann geschah etwas Kurioses. Schicksal, wenn man so will.


Er lernte ein Maedchen hier in Paraguay kennen und verliebte sich in sie. Sie wurden ein Paar und waren nicht mehr voneinander zu trennen. Und es geschah, dass ihre Eltern sehr reich waren. Dann erzaehlte er bald seiner Freundin, dass es sein grosser Traum sei, eines Tages in die USA zu gehen und womoeglich dort zu bleiben. Er tat dies sehr vorsichtig, da er fuerchtete ihre Gefuehle verletzen zu koennen. Sein Schatz jedoch gab dies an ihren Vater weiter, der den Jungen sehr gut leiden konnte. Ein paar Tage spaeter bot er ihm an, mit seiner Tochter in die USA zu ziehen, nachdem beide ihr Studium dieses Jahr abschliessen wuerden. Er bezahle fuer alles bis sie beide auf eigenen Beinen stehen koennten, meinte er. Voellig fassunglos vor Freude, umarmte er seine Freundin, ihren Vater und studierte Tag und Nacht, um ein gutes Examen hinzubekommen. Gegen Ende des Jahres flogen dann beide in die USA, wo er ein Aufbaustudium abschloss. Dort lebten sie dann ein paar Jahre, bevor dem Jungen eine Karriere als Fotomodel angeboten wurde. Mittlerweile hat er sehr viel Geld verdient und lebt in Spanien. Allerdings nicht ohne in der Zwischenzeit viele Laender bereist und kennen gelernt zu haben.
Vor einigen Monaten rief der Schueler dann bei Marta an und berichtete ihr von all den Geschehnissen und endete das Gespraech mit den Worten: "Haben Sie vielen Dank, Profe! Haetten Sie mir damals nicht den "Alquimista" zu lesen gegeben, der mich motiviert hatte, meinen Traeumen zu folgen, wuerde ich noch heute mit meiner Mutter und Schwester im "Cocodrilo" hausen." Und unter einem leichten Schluchzen fuegte er noch hinzu: "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel ich Ihnen und Coelho verdanke. Tausend Dank!"

Die gesamte Klasse hatte ihren Blick auf die Lehrerin gerichtet und hing an jedem Wort, als sie uns ploetzlich mit einer Handbewegung entliess. Aber wir sassen nur da und liessen das auf uns einwirken, was sie uns gerade mitgeteilt hatte. Es herrschte voellige Stille im Raum. Nur der vorher so selbstbewusste Junge murmelte halblaut: "Eigentlich war es ja gar nicht so schlecht..."

E quando você quer alguma coisa, todo o Universo conspira para que você realize seu desejo.
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Und wenn du etwas ganz fest willst, dann wird das gesamte Universum dazu beitragen, dass du es auch erreichst. - Paulo Coelho, O Alquimista

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